Sein langer Schatten

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Thessaloniki in den Jahren 1880 und 1881. Irgendwann dieser Tage wird ein Junge namens Mustafa in eine türkischsprachige Familie der Mittelschicht muslimischen Glaubens geboren. Dokumentiert wurden die Geburten damals nicht, weder gab es Nachnamen. Erst 30 Jahre später sollte dieser Mann, dem man in der Schule den Zweitnamen Kemal (der Perfekte) gab, all diese westlichen Errungenschaften der Bürokratie und der Demokratie einführen. Er begründete die moderne türkische Republik und ließ sich dafür keinen anderen Nachnamen geben als Atatürk – Vater der Türken.

Das Osmanische Reich, seit jeher ein Vielvölkerstaat, blieb von den politischen Revolutionen im westlichen Europa des 19. Jahrhunderts nicht unberührt. Als der vorletzte Sultan Abdülhamid II. 1876 auf den Thron kam, regierte er über ein bereits zerfallendes Reich. Er konnte den Prozess allenfalls verlangsamen, nicht jedoch aufhalten. In ebendiese Zustände wuchs Mustafa Kemal hinein, ein disziplinierter Schüler, fasziniert vom modernen westlichen Lebensstil und entwickelte sich zu einem willensstarken, ja charismatischem Kämpfer.

Charismatische Führungsperson

Mustafa Kemal verstand es, seine zwei Seiten wirkungsvoll zu gestalten. Da war der zivilisierte Gentleman, der die traditionell osmanische Kleidung ablehnte und stets Anzug und Hut trug. Der gerne Französisch plauderte und Standardtanz erlernte. Und da war der verdienstvolle Offizier, der im Ersten Weltkrieg die entscheidenden Schlachten an den Dardanellen gegen die Alliierten gewann, später im Westen den Befreiungskrieg gegen die Griechen erfolgreich führte und im Osten die Armenier zurückdrängte.

Unter dem Namen der Jungtürken (Gençtürkler) ist bereits 1908 ein erster liberaler Coup d’État geglückt. Mustafa Kemal, um den sich eine Vielzahl weiterer Militärs und Intellektueller scharten, war daran mitbeteiligt. Sein eigentlicher Aufstieg in den rebellisch-politischen Strukturen erfolgte aber erst, nachdem er mit seinem militärischen Erfolg gleichsam seine Führungsqualität bewies.

Die politische Wende

Mehmed VI, der letzte Sultan des Osmanischen Reiches, konnte nach seinem Amtsantritt 1918 nichts Bedeutenderes mehr tun, als den Vertrag von Sèvres zu unterschreiben. Vergleichbar mit dem Versailler Vertrag für die Deutschen musste der Sultan die Niederlage hinnehmen und große Teile seines Landes an die Alliierten und Griechenland abtreten. Für die immer größer werdenden politischen Aktivisten war das unannehmbar – noch heute sehen die Kemalisten als durch Sèvres traumatisiert.

Die Gruppe um Atatürk formierte sich 1919 zur Großen Nationalversammlung und zog nach Neuwahlen ins Parlament ein. Damit war Mehmed VI. politisch derart geschwächt, dass Atatürk bereits begann, außenpolitische Kontakte zu knüpfen. Nach einem letzten missglückten Mitbestimmungsversuch, unterstützt durch Großbritannien, musste Mehmed VI. vor den Nationalisten ins Ausland fliehen. 1922 schuf Mustafa Kemal das Sultanat vollständig ab, und der Weg für den türkischen Nationalstaat war geebnet.

Atatürks Reformen

Die 1922 begonnenen Revisionen am Sèvrer Vertrag mündeten im darauf folgenden Jahr in die internationale Anerkennung sodass Mustafa Kemal am 29. Oktober 1923 die Republik ausrief. Damit begannen eine Reihe grundlegender Reformen, die das türkische Volk vor große Schwierigkeiten stellte. Seine Änderungen betrafen nicht allein die politischen und rechtlichen Strukturen, sondern Alltagsleben und Lebensstil der Türken.

Zu Mustafa Kemals größten Errungenschaften gehören die Schaffung eines laizistischen Staates. War der Sultan immer auch der geistliche Führer (Kalif), sollte die Religion zur Privatsache werden. Ein erheblicher Schlag für alle Muslime, die in der Türkei noch heutzutage die überragende Mehrheit (offiziell 99 Prozent) darstellen. Desweiteren befürwortete Atatürk den Ausbau der Rechte für Frauen. Noch vor dem Wahlrecht (1934) gab es 1929 den ersten ersten Miss-Turkey-Wettbewerb.

Atatürk-Banner auf dem Großen Bazar in Istanbul (Foto: Todd Mecklem/flickr.com)

Weitaus größere Umstellungsprobleme gab es für die Türken, als ihre Arbeitstage durch den gregorianischen Kalender strukturiert waren. Als sie sich nicht mehr wie gewohnt kleiden durften, weil das Hutgesetz den traditionellen Fez verbot; weil Frauen in der Öffentlichkeit das Kopftuch ablegen mussten. Und als die Schriftreform quasi über Nacht ein ganzes Land zu Analphabeten werden ließ. Statt der arabischen Schrift sollte nun in lateinischen Lettern von links nach rechts geschrieben werden.

Atatürks Erben

Anhand dieser tief greifenden Veränderungen wird klar, dass Atatürk nicht nur Befürworter hatte. Noch heute kämpft die Türkei einen Identitätskampf zwischen westlich orientiertem, atheistischem Kosmopolitismus und traditionellem, islamischem Konservatismus. Die sozialdemokratische CHP (Cumhuriyet Halk Partisi = Republikanische Volkspartei) sieht sich als einer der Nachfolger Atatürks, kann mit ihrem politischem Programm jedoch kaum landen.

Um seine Version der Demokratie umzusetzen, betrieb Atatürk ein Einparteiensystem, das erst 1946, acht Jahre nach seinem Tod, gelockert wurde. Bei den folgenden Wahlen, 1950, wurde die CHP prompt abgelöst durch eine Partei, die keine wesentlich anderen Ziele verfolgte, sich jedoch anderer Mittel bediente. Als 1960 die Wirtschaft daniederlag, schritt der andere große Nachfolger Atatürks ein: das Militär.

Das Militär beließ es nicht bei einer einzigen Intervention, sondern sah sich gezwungen, Atatürks Ideale auch in den folgenden Jahrzehnten zu verteidigen: 1971 putschten sie das zweite, 1980 das dritte Mal. In den Achtzigerjahren gelang dem Militär dann, was allen anderen Demokratien versagt war. Sie begründeten einen Personenkult um Atatürk dergestalt, dass seine Abbildung Eingang in die Privatsphäre der Bürger erhielt. Waren ohnehin in jeder Stadt Statuen, Atatürk-Boulevards und -Plätze zu finden, wurden nun Bilder verteilt und verkauft, die sie Ladenbesitzer über die Theke, Familien ins Wohnzimmer hängen sollten.

Atatürks Grabmal Anitkabir in Ankara (Foto: Christoph Beeh)

Atatürk wurde zum Idol erkoren, negative Äußerungen ihm gegenüber waren nicht nur tabu, sondern werden seit 2005 unter Artikel 301 des Strafgesetzbuches rechtlich verfolgt. Zu den prominentesten Opfern gehören immer wieder Schriftsteller und Journalisten, die auf ihrer Meinungsfreiheit beharren.

Erst in letzter Zeit scheint sich der Kult um Atatürk zu lockern. Die Künste werfen erste neutrale Betrachtungen auf den Staatsgründer. Auch ist allen bekannt, dass Atatürk ein Alkoholproblem hatte und weniger ein Fürsprecher der Frauenrechte als ein strenger Patriarch war. Dennoch ist ein kritischer Umgang noch kaum absehbar. Atatürks Ziele bleiben die erklärten Ziele der türkischen Politik.

Weiterlesen?

Feroz Ahmad: „The Making of Modern Turkey“, London 1993

Andrew Mango: „Atatür“k, London 1999

Fakten

Amtszeiten der Osmanischen Sultane:

1876 – 1909: Abdülhamid II.

1909 – 1918: Mehmed V.

1918 – 1922: Mehmed VI.

1880/81: Geburtsjahr Atatürks

1920: Vertrag von Sèvres

1921: Türkischer Befreiungskrieg

1923: Staatsgründung

Mehr im Dossier „Türkei“

„Fremde Heimat“

„Eine Partei des Wandels“

„Die Türken vor Brüssel“

Christoph Beeh

Christoph Beeh (25) ist Autor und Redakteur bei move. Er stammt aus dem ländlichen Nordniedersachsen und studiert European Studies an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie der Bilgi Üniversitesi in Istanbul. Christoph interessiert sich für soziokulturelle Themen der Europäischen Integration im Kontext globaler Prozesse.