Segel setzen mit Kurs Europa
Auf Europas Nord- und Ostsee tummeln sich nicht nur Fähren, Frachter und große Kreuzfahrtschiffe, sondern auch hunderte traditionelle Großsegler. Das Mitsegeln ist auf vielen von ihnen sogar für Jugendliche erschwinglich, durch das „Hand für Koje“-Prinzip. Move-Reporter Lars-Ole Müller machte den Praxistest und fuhr mit der „Wylde Swan“ drei Tage von Rostock nach Hamburg. Von Lars-Ole Müller
Einmal wie Captain Jack Sparrow die Segel setzen, den Wind spüren, eine kühle Brandung im Gesicht, die tosende See unter den Füßen. Diesen Tagtraum habe ich schon öfter gehabt, schließlich bin ich in Rostock aufgewachsen, wo mit der Hanse Sail jedes Jahr eines von Europas größten maritimen Volksfesten stattfindet. Jahr für Jahr sah ich in Warnemünde die großen Segelschiffe auslaufen und wünschte mir, mit an Bord zu sein. Dieses Jahr wage ich es und fahre mit dem niederländischen Schiff „Wylde Swan“ von Rostock nach Hamburg. Drei Tage Abenteuer erwarten mich, mit Stürmen und waghalsigen Manövern. Zumindest stelle ich es mir so vor.
Als ich in Rostock zum ersten Mal an Bord gehe fallen mit zwei Dinge sofort auf. Erstens: Die „Wylde Swan“ ist sehr groß, mit 62 Metern Länge immerhin der größte Zweimast-Topsegelschoner der Welt. Das beruhigt mich. Zweitens: Ich bin allein. Außer mir sind nur Crewmitglieder an Bord. Dabei handelt es sich um die absolute Ausnahme, denn normalerweise segeln auf der „Swan“ neben zwölf festen Crewmitgliedern bis zu 36 so genannte Trainees. Das sind Laien wie ich, die in das Alltagsleben auf einem Großsegler hineinschnuppern wollen.
Anheuern und anpacken mit Menschen überall aus Europa
Von den Trainees wird erwartet, dass sie beim Segeln und auch bei anderen Tätigkeiten in Vier-Stunden-Schichten ordentlich mit anpacken. Daher sind die Preise für diese Art des Reisens, im Gegensatz zu normalen Kreuzfahrten, sehr günstig. Zudem kann man sich den Trip von der Organisation „At Sea Sail Training“ oder dem „Youth in Action“-Programm der Europäischen Kommission fördern lassen. Diese übernimmt dabei 70 Prozent der Kosten.
So fuhren dieses Jahr, verschiedene Jugendgruppen an Bord der Swan, als diese am „Tall Ships Race“ teilnahm, der Regatta der Großsegler, die von Irland über Schottland und die Shetland-Inseln nach Schweden führte. Die jungen Menschen waren Teil eines EU-geförderten Austauschprogramms und sollten neben dem Segeln vor allem andere junge Europäer und deren Kulturen kennenlernen. Am Ende gewann die „Wylde Swan“ nicht nur das Rennen, sondern zusätzlich noch den begehrten Freundschaftspreis, der an das Schiff vergeben wird, welches zu anderen Besatzungen die besten freundschaftlichen Beziehungen pflegt.
All dies erzählt mir Crewmitglied Daniel aus Ungarn, während wir gemeinsam das Deck schrubben – meine erste Aufgabe an Bord. Auch die Crew ist überwiegend jung und stammt aus den Niederlanden, aus Deutschland, Frankreich, Ungarn und Südafrika. Man spricht Englisch. Die „Wylde Swan“ ist wirklich ein internationales Schiff.
Schnell fühlt man sich als Teil der Crew
Länger als nur ein paar Tage an Bord eines Großseglers zu bleiben ist ebenfalls möglich, berichtet Daniel weiter. Auf vielen Schiffen kann man freiwillig als Crewmitglied arbeiten und erhält dafür Fahrt, Kost und Unterkunft frei. Nach einiger Zeit wird man dann möglicherweise in die reguläre Crew aufgenommen und bekommt dann sogar ein Gehalt.
Mittlerweile ist das Deck sauber und wir haben die offene Ostsee erreicht. Heute wollen wir es bis nach Kiel schaffen. Es schaukelt, obwohl wir noch mit Motorantrieb fahren. Leider steht der Wind ungünstig und so können wir auf unserer Reise vorbei an der Insel Fehmarn und der dänischen Küste nur wenige Segel setzen. Trotzdem liegt das Schiff schon beträchtlich schief.
Beim Segelsetzen ist Teamarbeit gefragt und zum ersten Mal fühle ich mich nicht mehr als Fremdkörper sondern als Teil der Mannschaft. Als wir am Abend Kiel erreichen bin ich erschöpft und schlafe sofort ein.
Den Trainees wird Verantwortung übertragen und Vertrauen entgegengebracht
Am nächsten Tag liegen wir zunächst am Kai, trotzdem wartet Arbeit. Die Schwimmwesten müssen kontrolliert werden, Lebensmittel werden eingekauft. Und ich darf in die Masten klettern – für mich ein Höhepunkt der Reise, im wahrsten Sinn des Wortes. Oben, in etwa 30 Metern Höhe, wird mir mulmig zumute und ich verstehe nun, warum dies die einzige Arbeit ist, zu der an Bord niemand verpflichtet wird. Das ist nichts für schwache Nerven.

Move-Autor Lars-Ole Müller (2.v.r.) mit den Crewmitgliedern Sophie aus Frankreich, Sinja aus Deutschland und Jonathan aus Südafrika (v.l.n.r.) beim Segeln des Beibootes / © Lars-Ole Müller
Nach getaner Arbeit lassen wir das Beiboot zu Wasser und segeln mit ihm etwas auf der Kieler Förde. Endlich werden wir nur vom Wind bewegt. Abends sitzt die Crew zusammen und ich fühle mich dabei wie in einem internationalen Schüler-Austauschprogramm. Jeder erzählt von zu Hause, berichtet, wie es sich so lebt in seinem oder ihrem Land. Sie alle betonen, wie gut man an Bord neue Menschen und Möglichkeiten kennenlernt und wie schnell man sich als Europäer fühlt.
Am letzten Tag geht es dann durch den Nord-Ostsee-Kanal, die meist befahrene künstliche Wasserstraße der Welt, und weiter die Elbe hinauf nach Hamburg. Hier wird deutlich wo sich die Im- und Exportwirtschaft Europas abspielt: Im Bauch unzähliger Frachtschiffe aus aller Welt. Auf dieser Strecke darf ich auch einmal das Schiff steuern und mir wird klar, dass Vertrauen an Bord eine wichtige Rolle spielt und dass jeder willkommen ist.
Ich erreiche Hamburg mit gemischten Gefühlen. Morgen wird es nach Hause in den Großstadtalltag zurückgehen. Das große Segelabenteuer habe ich diesmal leider nicht erlebt, dazu hätte ich an einer Regatta teilnehmen sollen, sagt mir die Crew, denn dort würde nur unter Segeln gefahren und ohne den Motor. Aber ich habe etwas über Gemeinschaft und Teamarbeit gelernt, über Europa und auch über mich selbst. Und ich weiß, dass ich wohl wiederkommen werde, um vielleicht doch noch wie ein „echter“ Seemann unter Segeln zu fahren, die Gischt im Gesicht, unter mir die tosende See. Jedem, der auch schon einmal diesen Traum gehegt hat kann ich nur empfehlen ihn zu leben. Dies geht an Bord eines europäischen Großseglers einfacher, als man glauben mag.
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Weiterlesen?
>>> Website der Wylden Swan mit Buchungs- und Kontaktmöglichkeiten
>>> Website des Förderprogrammes At Sea Sail Training für segelwillige Jugendliche
>>> Website des Förderprogrammes der EU-Kommission „Youth in Action“
Website des Förderprogrammes für segelwillige Jugendliche
Über den Autor
Lars-Ole Müller (21) ist Autor und Redakteur bei move. Er stammt aus Güstrow bei Rostock (Mecklenburg-Vorpommern). Lars-Ole studiert Publizistik-, Kommunikations- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Er war bis zum Abi 2009 als freier Jugendjournalist für eine lokale Tageszeitung im Landkreis Güstrow unterwegs und absolvierte seinen Zivildienst bei der Öffentlichkeitsarbeit eines touristischen Natur- und Umweltparks.









