Stiefkinder Europas: Island

Keine Liebesheirat

Die Finanz- und Wirtschaftskrise traf 2008 kaum ein Land so hart wie Island. Damit wurde der EU-Beitritt für den Inselstaat plötzlich wirklich zum Thema. Dreieinhalb Jahre später aber ist der Ausgang der Beitrittsverhandlungen ungewiss. Ob das isländische Volk den Beitritt überhaupt will ebenso. Von Daniela Stoltenberg

Denn Sturm der Finanzkrise 2008 hat Island überstanden. Entfernt es sich jetzt wieder von der EU? Bild: Jana Urban

Die Welt ist ein Dorf. Selten trifft dieser Spruch so prägnant zu wie auf Island, Europas zweitgrößte Insel. Etwas über 300.000 Einwohner zählt das Land, in dem nicht nur jeder jeden irgendwie kennt, sondern oft sogar über einige Ecken mit ihm verwandt ist. Über ein Drittel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Reykjavík. Aber selbst hier fühlt sich alles klein und überschaubar an. Binnen einer Stunde lässt es sich vom Hafen über die Einkaufsstraße Laugavegur hoch zur Hallgrímskirche flanieren und damit hat man die Innenstadt auch eigentlich schon gesehen. Viele Leute lassen ihre Autos, manchmal sogar ihre Häuser unverschlossen. Man kennt sich. Über Politik lässt es sich im Schwimmbad diskutieren oder bei einem (unangekündigten) Besuch beim Nachbarn. Und wenn die Isländer sich über etwas ärgern, schreiben sie schon einmal direkt an ihre Premierministerin.

Brüsseler Anonymität befremdet

Mit der Anonymität der Europäischen Union und der Brüsseler Bürokratie haben die Isländer dagegen wenig am Hut. Der Beitritt wäre seitens der EU wohl nie ein Problem gewesen. Die europäische Identität des skandinavischen Landes, das erst 1944 vollständige Unabhängigkeit von der dänischen Krone erlangte, steht außer Frage. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt, die Gleichberechtigung ist weit fortgeschritten, das Bildungssystem gut ausgebaut. Im The Economist-Demokratieindex liegt das Land im weltweiten Vergleich auf Rang zwei (nur Norwegen wird besser bewertet). Die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien, welche die Bedingungen eines EU-Beitritts festlegen, ist kein Hindernis.

Blick auf Reykjavik von der Hallgrímskirche. Bild: Jana Urban

Allein: Bis vor kurzem hatte Island keinen schlagkräftigen Grund den EU-Beitritt zu forcieren. Es ist zwar bereits seit 1992 Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und seit 1999 im Schengener Abkommen, darüber hinaus sah die isländische Regierung aber nie Anlass, sich aus dem fernen Brüssel in ihre Politik hineinreden zu lassen. Besonders in Fragen der Agrar- und Fischereipolitik fürchten die Isländer die Einflussnahme von außerhalb. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind in Fischfang und -verarbeitung tätig, Fisch ist der wichtigste Exportartikel. Der EU-Beitritt würde bedeuten, dass zukünftig Brüssel die Fangquoten vorgäbe und die isländischen Gewässer für die Trawler der anderen EU-Mitglieder geöffnet würden. Das Volk steht der EU skeptisch bis ablehnend gegenüber – so war es zumindest für lange Zeit.

Regierung gestürzt, EU-Beitritt möglich

Dann allerdings kam 2008 die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, die kaum ein Land härter traf als den kleinen Inselstaat. Zwei Wochen nach der Lehman Brothers-Pleite musste Island seine drei größten Banken verstaatlichen, die Isländische Krone (ISK) verlor gegenüber dem Euro um 70 Prozent an Wert, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Das Land stand kurz vor dem Staatsbankrott und die Isländer taten etwas, das in der Geschichte des Landes gänzlich untypisch war: Sie demonstrierten. Nach wochenlangen Protesten musste im Januar 2009 die Regierung zurücktreten und die Sozialdemokratin Jóhanna Sigurðardóttir wurde neue Premierministerin.

Die "Sonnenfahrt", ein Wahrzeichen Reykjaviks. Bild: Jana Urban

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise machten mit einem Mal den EU-Beitritt und die Sicherheit der europäischen Gemeinschaftswährung attraktiv. Der Regierungswechsel hin zu einem Links-Grünen Bündnis öffnete den Weg für Beitrittsverhandlungen. Im Juli 2009 stellte die Regierung ein Beitrittsgesuch an die EU, ein Jahr später wurden offiziell die Verhandlungen aufgenommen. Vor allem durch die bestehende Mitgliedschaft in EWR und Schengen-Raum gibt es in vielen Feldern bereits eine Übereinstimmung der nationalen und der europäischen Gesetzgebung. Zehn der 33 Verhandlungskapitel konnten binnen eines Tages abgeschlossen werden. Aber um die heiklen Themen Umwelt, Landwirtschaft und Fischerei haben die Verhandlungsparteien bisher einen großen Bogen gemacht. Hier werden die Gespräche nicht so harmonisch bleiben.

Am Ende entscheidet das Volk

Und selbst wenn Brüssel und Reykjavík aufeinander zugehen und es zu einer Einigung auch in den schwierigen Themenfeldern kommen sollte, ist der EU-Beitritt alles andere als sicher. Nach abgeschlossenen Verhandlungen muss eine Volksabstimmung darüber entscheiden. Hier zeigen die Umfragen der Tageszeitung Fréttablaðið, dass die Europaskepsis der Isländer wieder zunimmt, je mehr sich die isländische Wirtschaft von der Krise erholt. Schon im September 2009 sprachen sich nur noch 38,5 Prozent der Befragten für den EU-Beitritt aus, im Oktober 2008 waren es noch 49 Prozent gewesen. Eigentlich bleibt man gern unter sich, auf der kalten Insel im Nordatlantik. Die EU und Island, das wäre keine Liebesheirat.

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Über den Autor

Daniela Stoltenberg ist Redakteurin und Autorin bei move. Sie studiert Publizistik-, Kommunikations- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.