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Ist Griechenland unregierbar?

Turbulente Zeiten für Europa. Anlässlich des Wahlausgangs in Griechenland am Sonntag, 06. Mai 2012 sollten wir jedoch anfangen, mit den Griechen zu sympathisieren, statt sie zu weiter zu stigmatisieren. Ein Kommentar von Christoph Beeh

Mischt ganz Europa auf: Alexis Tsipras, Chef des linkspopulistischen griechischen Parteienbündnisses SYRIZA, das bei der Parlamentswahl zweitstärkste Kraft wurde. Bild: PIAZZA del POPOLO / flickr.com

Letzte Woche schlugen die Schlagzeilen Purzelbäume in der deutschen Medienlandschaft ob des Super-Wahlsonntags. In Frankreich, Griechenland, Serbien und (nicht zu vergessen) Schleswig-Holstein wurden Berechtigte dazu aufgerufen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Ein wahres Fest für das kriselnde Europa, dem mit Hoffnungen und Erwartungen entgegengeschaut wurde, wie mit Befürchtungen und Ängsten.

Knapp eine Woche später stehen wir da und versuchen, aus den Ergebnissen schlau zu werden. Was wird aus Merkozy? Warum ist die Nicht-Wählerquote in Schleswig-Holstein so hoch? Wie setzt Serbien seinen Weg in die EU fort?

Es ist nicht neu, dass in Zeiten der Krise(n) ein Parlament ausgetauscht wird, doch was uns da aus Athen berichtet wird, hatten wir uns vielleicht doch etwas anders vorgestellt: Griechenland sei unregierbar machen uns diverse Medien glauben. Faschisten im Parlament, weg vom Sparkurs – sind die Griechen noch ganz bei Sinnen?

Die nächste Staatsanleihe steht ins Haus, die Finanzmärkte sind erwartungsgemäß in Aufruhr. Es geht um Millionen-Beträge, um politische Allianzen, um Macht. Und es ist viel Symbolik dabei. Eine Misere nicht nur für Griechenland, sondern für die EU. Keine Frage: Wer so viel Geld gibt (oder auch, nolens volens, sich dazu bereit erklärt), hat der nicht ein Wörtchen mitzureden?

Das Problem liegt in unserer Lesart der Ereignisse

Bei aller Sachlichkeit und Unsachlichkeit, die sich in den Nachrichten nicht selten verstricken: Der Ausgang der Wahlen in Griechenland kann als ‚Protestwahl’ beschrieben werden. Vom tagespolitischen Status quo einmal abgesehen ist Griechenland sehr wohl regierbar. Es sind die letzten Jahre, die sich hier abzeichnen. Sowohl im Wahlergebnis, als auch in den deutschlandweiten Schlagzeilen. Griechenland wird zum Stiefkind der EU, das nicht nur Probleme hat, sondern selbst eines ist. Dazu kommt der Mythos der Deutschen als Zahlmeister Europas: ‚Unser’ Geld für faule Südländer? Ich erinnere mit Nachdruck an das unschöne Zwischenspiel der Karikaturen, das sich die Presselandschaften 2010 gaben: Focus zeigte die Aphrodite mit Stinkefinger, darauf konterte Eleftheros Typos, indem sie der Viktoria auf der Berliner Siegessäule ein goldenes Hakenkreuz in die Hand mogelten. Auch 2012 ist es beliebt, mythische Bilder als Aufmacher zu nehmen.

Ja, die Situation ist bitterernst. Doch ist es nicht an uns, wieder auf die Griechen einzudreschen und sie aus der bequemeren Position her zu belehren, was sie besser zu tun hätten. Die Griechen wollen weder korrupt und faul, noch rassistisch sein. Das Problem liegt anderswo – nämlich in unserer Lesart der Ereignisse.

Jetzt ist Solidarität gefragt

Der griechische Staat ist in der Zwickmühle. Zwischen seinen Geldgebern, die Sparpakete diktieren und dem Volk, das eine gerechtere Verteilung der (finanziellen) Verantwortung verlangt. Büßen mussten in vielen Fällen die falschen. Gegenüber IMF und EZB kann sich das griechische Volk kein Gehör verschaffen. Wem aber strukturell der Zugang zu Macht und Mobilität verwehrt wird, der bedient sich anderer Mechanismen, um seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Wahlen stellen so eine Gelegenheit dar. Ihre Ergebnisse sind Symptome der Probleme, die anders nicht zu Tage treten. Statt seine Stimme verfliegen zu lassen, wurde der 6. Mai genutzt, um ein Verlangen nach Veränderung zu äußern und sich gleichzeitig als souveränes Volk zu behaupten. Populistische Parteien haben zu solchen Zeiten schnell Zulauf. Doch das heißt nicht, dass es keine weiteren Alternativen gibt.

Wir sollten dieser Tage aufmerksam die Presse und das Web 2.0 lesen und anfangen, uns mit den Griechen zu solidarisieren, statt durch erneute Vorwürfe Fronten zu verhärten, an denen es eigentlich gar keine Probleme gab.

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Über den Autor

Christoph Beeh (25) ist Autor und Redakteur bei move. Er stammt aus dem ländlichen Nordniedersachsen und studiert European Studies an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie der Bilgi Üniversitesi in Istanbul. Christoph interessiert sich für soziokulturelle Themen der Europäischen Integration im Kontext globaler Prozesse.