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		<title>Ist Griechenland unregierbar?</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 09:01:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Beeh</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[stand.punkt]]></category>
		<category><![CDATA[Euro]]></category>
		<category><![CDATA[Griechenland]]></category>

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		<description><![CDATA[Turbulente Zeiten für Europa. Anlässlich des Wahlausgangs in Griechenland am Sonntag, 06. Mai 2012 sollten wir jedoch anfangen, mit den Griechen zu sympathisieren, statt sie zu weiter zu stigmatisieren.  <em>Ein Kommentar von Christoph Beeh</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2808" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/05/Tsipras_PIAZZAdelPOPOLO_flickr.jpg"><img class=" wp-image-2808" title="Tsipras_PIAZZAdelPOPOLO_flickr" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/05/Tsipras_PIAZZAdelPOPOLO_flickr.jpg" alt="" width="620" height="465" /></a><p class="wp-caption-text">Mischt ganz Europa auf: Alexis Tsipras, Chef des linkspopulistischen griechischen Parteienbündnisses SYRIZA, das bei der Parlamentswahl zweitstärkste Kraft wurde. Bild: PIAZZA del POPOLO / flickr.com</p></div>
<p><span class="firstLetter">L</span>etzte Woche schlugen die Schlagzeilen Purzelbäume in der deutschen Medienlandschaft ob des Super-Wahlsonntags. In Frankreich, Griechenland, Serbien und (nicht zu vergessen) Schleswig-Holstein wurden Berechtigte dazu aufgerufen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Ein wahres Fest für das kriselnde Europa, dem mit Hoffnungen und Erwartungen entgegengeschaut wurde, wie mit Befürchtungen und Ängsten.</p>
<p>Knapp eine Woche später stehen wir da und versuchen, aus den Ergebnissen schlau zu werden. Was wird aus Merkozy? Warum ist die Nicht-Wählerquote in Schleswig-Holstein so hoch? Wie setzt Serbien seinen Weg in die EU fort?</p>
<p>Es ist nicht neu, dass in Zeiten der Krise(n) ein Parlament ausgetauscht wird, doch was uns da aus Athen berichtet wird, hatten wir uns vielleicht doch etwas anders vorgestellt: Griechenland sei unregierbar machen uns diverse Medien glauben. Faschisten im Parlament, weg vom Sparkurs – sind die Griechen noch ganz bei Sinnen?</p>
<p>Die nächste Staatsanleihe steht ins Haus, die Finanzmärkte sind erwartungsgemäß in Aufruhr. Es geht um Millionen-Beträge, um politische Allianzen, um Macht. Und es ist viel Symbolik dabei. Eine Misere nicht nur für Griechenland, sondern für die EU. Keine Frage: Wer so viel Geld gibt (oder auch, nolens volens, sich dazu bereit erklärt), hat der nicht ein Wörtchen mitzureden?</p>
<h4><strong>Das Problem liegt in unserer Lesart der Ereignisse</strong></h4>
<p>Bei aller Sachlichkeit und Unsachlichkeit, die sich in den Nachrichten nicht selten verstricken: Der Ausgang der Wahlen in Griechenland kann als ‚Protestwahl’ beschrieben werden. Vom tagespolitischen Status quo einmal abgesehen ist Griechenland sehr wohl regierbar. Es sind die letzten Jahre, die sich hier abzeichnen. Sowohl im Wahlergebnis, als auch in den deutschlandweiten Schlagzeilen. Griechenland wird zum Stiefkind der EU, das nicht nur Probleme hat, sondern selbst eines ist. Dazu kommt der Mythos der Deutschen als Zahlmeister Europas: ‚Unser’ Geld für faule Südländer? Ich erinnere mit Nachdruck an das unschöne Zwischenspiel der Karikaturen, das sich die Presselandschaften 2010 gaben: Focus zeigte die Aphrodite mit Stinkefinger, darauf konterte Eleftheros Typos, indem sie der Viktoria auf der Berliner Siegessäule ein goldenes Hakenkreuz in die Hand mogelten. Auch 2012 ist es beliebt, mythische Bilder als Aufmacher zu nehmen.</p>
<p>Ja, die Situation ist bitterernst. Doch ist es nicht an uns, wieder auf die Griechen einzudreschen und sie aus der bequemeren Position her zu belehren, was sie besser zu tun hätten. Die Griechen wollen weder korrupt und faul, noch rassistisch sein. Das Problem liegt anderswo – nämlich in unserer Lesart der Ereignisse.</p>
<h4><strong>Jetzt ist Solidarität gefragt</strong></h4>
<p>Der griechische Staat ist in der Zwickmühle. Zwischen seinen Geldgebern, die Sparpakete diktieren und dem Volk, das eine gerechtere Verteilung der (finanziellen) Verantwortung verlangt. Büßen mussten in vielen Fällen die falschen. Gegenüber IMF und EZB kann sich das griechische Volk kein Gehör verschaffen. Wem aber strukturell der Zugang zu Macht und Mobilität verwehrt wird, der bedient sich anderer Mechanismen, um seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Wahlen stellen so eine Gelegenheit dar. Ihre Ergebnisse sind Symptome der Probleme, die anders nicht zu Tage treten. Statt seine Stimme verfliegen zu lassen, wurde der 6. Mai genutzt, um ein Verlangen nach Veränderung zu äußern und sich gleichzeitig als souveränes Volk zu behaupten. Populistische Parteien haben zu solchen Zeiten schnell Zulauf. Doch das heißt nicht, dass es keine weiteren Alternativen gibt.</p>
<p>Wir sollten dieser Tage aufmerksam die Presse und das Web 2.0 lesen und anfangen, uns mit den Griechen zu solidarisieren, statt durch erneute Vorwürfe Fronten zu verhärten, an denen es eigentlich gar keine Probleme gab.</p>
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		<title>Gute Nachrichten aus Bucharest</title>
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		<pubDate>Sun, 06 May 2012 14:25:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Steinfeldt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Du & Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Rumänien]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Regierungschef stürzt, das politische System durch Korruption instabil, die Wirtschaft schwach und der Unmut groß. Wo bleiben die guten Nachrichten aus Rumänien? Cosmin, 21-jähriger Student, war dabei, als im Januar mehrere Tausend Menschen in dem südöstlichen Mitgliedsstaat der EU auf die Straße gingen und gegen ihre Misslage demonstrierten. <em>Von Alexander Steinfeldt</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2802" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/05/Cosmin-Mincu_web.jpg"><img class="size-medium wp-image-2802" title="Cosmin Mincu_web" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/05/Cosmin-Mincu_web-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Wir sind voller Ideen!&quot;: Junge Rumänen wie Cosmin Mincu, 21, demonstrieren für Veränderungen in ihrem Land. Bild: Alexander Steinfeldt</p></div>
<p><span class="firstLetter">R</span>umänien muss in Westeuropa mit vielen Vorurteilen und Klischees leben. Mal sind Rumänen die diebischen Roma oder die billigen Arbeitskräfte, mal verbindet man das Land mit Trunksucht oder in Armut lebenden Menschen in den Straßen der Hauptstadt. Die neuesten Entwicklungen Rumäniens tragen nicht zu einem besseren Bild bei. Ende April wurde der gegenwärtige Regierungschef Ungureanu von der liberaldemokratischen PDL durch ein Misstrauensvotum der Oppositionsparteien gestürzt.</p>
<p>Möglich wurde dies durch zahlreiche Parteiübertritte aus den Regierungsparteien. Die Gründe dafür sind Korruptionsvorwürfe und das autoritäre Verhalten des Staatspräsidenten Basescu. Auch das passt zu den Vorstellungen eines unorganisierten Systems, das im Land immer öfter auf kritische Stimmen stößt. Es waren vor allem die Rentner, die sich erstmals am 15. Januar 2012 im Zentrum Bucharests versammelten und gegen die rigide Sparpolitik und Steuererhöhungen der Regierung demonstrierten. Ihr Hilferuf erreichte die Studenten der Stadt, die sich aufmachten, den Protest zu unterstützen.</p>
<h4><strong>Eine neue Art des Denkens</strong></h4>
<p>Zusammen, jung und alt, stellten sie sich friedlich gegen die Staatsmacht. Doch die Demonstration rief andere Geister hervor. Gewaltbereite Hooligans mischten sich unter die Demonstranten und begannen, die rumänische Gendarmerie mit Steinen zu bewerfen. Die wusste sich nur mit dem Einsatz von Tränengas zu helfen und traf dabei auch Unschuldige. Präsident Basescu nutze diesen Zwischenfall, um den Protest als Hooligantreffen ohne politische Bedeutung zu degradieren.</p>
<p>Doch der Wille zum Protest ist in der Bevölkerung neu geboren. „Es gibt eine neue Art des Denkens in unserem Land.“, sagt Cosmin Mincu, 21-jähriger Geographie-Student der Bucharester Universität, der am 15. Januar ebenfalls dabei war. Ärger über die Regierung trieb ihn damals auf die Straße. Das Volk sei zu naiv und glaube den Mächtigen. Dabei ist Armut in Rumänien ein ernstes Thema. Viele ältere Menschen leiden an ihren geringen Renten und haben nicht genug zu essen.</p>
<h4><strong>Angst vor Wandel</strong></h4>
<p>Daher ergibt sich für Cosmin auch keine andere Wahl, als für einen Wandel im Land zu demonstrieren: „Ein ökonomischer Wandel ist nun das wichtigste für Rumänien. Dabei wollen wir keine Utopien, wie den Kommunismus oder ähnliches.“ Cosmin plädiert für strukturelle Reformen, die den Menschen wieder Arbeit bringen und das Land infrastrukturell wieder fit machen. Dabei betont er ganz besonders die Rolle der EU. Sie sorge dafür, dass Schulen und Straßen gebaut und ein funktionierendes Abfall- und Abwassermanagement betrieben werden. Noch würden die Hilfen aus Brüssel jedoch nicht gut genug genutzt.</p>
<p>Wenn im November das rumänische Parlament gewählt werden soll, dann erhofft sich Cosmin, dass die Sozialdemokraten die Führung übernehmen und den Wandel einleiten können. Doch Skepsis mischt sich in seine Worte, wenn er vom Wandel spricht. Zu viele Menschen in Rumänien hätten noch Angst vor Veränderungen. Die Folgen der Transformation von einem sozialistischen Staat zur heutigen demokratischen Marktwirtschaft trafen die Menschen hart.</p>
<h4><strong>„Wir sind voller Ideen!“</strong></h4>
<p>Auch der Beitritt in die Europäische Union 2007 führte zu vielen, weitreichenden Veränderungen. „Es war wie ein Schock für die Menschen.“, meint Cosmin dazu. In die Zukunft blickt er aber zuversichtlich. Wenn die Alten, die noch vom Kommunismus im eigenen Land geprägt sind, abgelöst werden, dann kommt eine neue Generation an die Macht, die sich weltoffen und modern, kämpferisch und verantwortlich gibt. „Wir sind jung. Wir sind voller Ideen!“, sagt Cosmin stolz, der sich nicht mehr für sein Land schämen will – ein Land, das eine einzigartige Naturlandschaft besitzt und kulturell von den vielen Religionen und Ethnien lebt.</p>
<p>Auf dem Universitätsplatz versammeln sich oft einige Menschen, um für den Wandel in Rumänien zu demonstrieren. Das ist die gute Nachricht aus Bucharest. Armut und Korruption, Bürgerrechte und Aufklärung stehen weiterhin auf der Agenda der jungen Leute. Die Jugend Rumäniens bereitet den Wechsel der politischen Kultur vor.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Keine Liebesheirat</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Apr 2012 16:15:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daniela Stoltenberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[EU-Beitritt]]></category>
		<category><![CDATA[Island]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Finanz- und Wirtschaftskrise traf 2008 kaum ein Land so hart wie Island. Damit wurde der EU-Beitritt für den Inselstaat plötzlich wirklich zum Thema. Dreieinhalb Jahre später aber ist der Ausgang der Beitrittsverhandlungen ungewiss. Ob das isländische Volk den Beitritt überhaupt will ebenso. <em>Von Daniela Stoltenberg</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2797" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Fahrt-nach-Reykjavik-2.jpg"><img class=" wp-image-2797" title="Fahrt nach Reykjavik (2)" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Fahrt-nach-Reykjavik-2.jpg" alt="" width="620" height="465" /></a><p class="wp-caption-text">Denn Sturm der Finanzkrise 2008 hat Island überstanden. Entfernt es sich jetzt wieder von der EU? Bild: Jana Urban</p></div>
<p><span class="firstLetter">D</span>ie Welt ist ein Dorf. Selten trifft dieser Spruch so prägnant zu wie auf Island, Europas zweitgrößte Insel. Etwas über 300.000 Einwohner zählt das Land, in dem nicht nur jeder jeden irgendwie kennt, sondern oft sogar über einige Ecken mit ihm verwandt ist. Über ein Drittel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Reykjavík. Aber selbst hier fühlt sich alles klein und überschaubar an. Binnen einer Stunde lässt es sich vom Hafen über die Einkaufsstraße Laugavegur hoch zur Hallgrímskirche flanieren und damit hat man die Innenstadt auch eigentlich schon gesehen. Viele Leute lassen ihre Autos, manchmal sogar ihre Häuser unverschlossen. Man kennt sich. Über Politik lässt es sich im Schwimmbad diskutieren oder bei einem (unangekündigten) Besuch beim Nachbarn. Und wenn die Isländer sich über etwas ärgern, schreiben sie schon einmal direkt an ihre Premierministerin.</p>
<h4><strong>Brüsseler Anonymität befremdet</strong></h4>
<p>Mit der Anonymität der Europäischen Union und der Brüsseler Bürokratie haben die Isländer dagegen wenig am Hut. Der Beitritt wäre seitens der EU wohl nie ein Problem gewesen. Die europäische Identität des skandinavischen Landes, das erst 1944 vollständige Unabhängigkeit von der dänischen Krone erlangte, steht außer Frage. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt, die Gleichberechtigung ist weit fortgeschritten, das Bildungssystem gut ausgebaut. Im The Economist-Demokratieindex liegt das Land im weltweiten Vergleich auf Rang zwei (nur Norwegen wird besser bewertet). Die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien, welche die Bedingungen eines EU-Beitritts festlegen, ist kein Hindernis.</p>
<div id="attachment_2799" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Reykjavik.jpg"><img class=" wp-image-2799" title="Reykjavik" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Reykjavik.jpg" alt="" width="620" height="465" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf Reykjavik von der Hallgrímskirche. Bild: Jana Urban</p></div>
<p>Allein: Bis vor kurzem hatte Island keinen schlagkräftigen Grund den EU-Beitritt zu forcieren. Es ist zwar bereits seit 1992 Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und seit 1999 im Schengener Abkommen, darüber hinaus sah die isländische Regierung aber nie Anlass, sich aus dem fernen Brüssel in ihre Politik hineinreden zu lassen. Besonders in Fragen der Agrar- und Fischereipolitik fürchten die Isländer die Einflussnahme von außerhalb. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind in Fischfang und -verarbeitung tätig, Fisch ist der wichtigste Exportartikel. Der EU-Beitritt würde bedeuten, dass zukünftig Brüssel die Fangquoten vorgäbe und die isländischen Gewässer für die Trawler der anderen EU-Mitglieder geöffnet würden. Das Volk steht der EU skeptisch bis ablehnend gegenüber &#8211; so war es zumindest für lange Zeit.</p>
<h4><strong>Regierung gestürzt, EU-Beitritt möglich</strong></h4>
<p>Dann allerdings kam 2008 die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, die kaum ein Land härter traf als den kleinen Inselstaat. Zwei Wochen nach der Lehman Brothers-Pleite musste Island seine drei größten Banken verstaatlichen, die Isländische Krone (ISK) verlor gegenüber dem Euro um 70 Prozent an Wert, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Das Land stand kurz vor dem Staatsbankrott und die Isländer taten etwas, das in der Geschichte des Landes gänzlich untypisch war: Sie demonstrierten. Nach wochenlangen Protesten musste im Januar 2009 die Regierung zurücktreten und die Sozialdemokratin Jóhanna Sigurðardóttir wurde neue Premierministerin.</p>
<div id="attachment_2798" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Sonnenfahrt.jpg"><img class=" wp-image-2798" title="Sonnenfahrt" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Sonnenfahrt.jpg" alt="" width="620" height="465" /></a><p class="wp-caption-text">Die &quot;Sonnenfahrt&quot;, ein Wahrzeichen Reykjaviks. Bild: Jana Urban</p></div>
<p>Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise machten mit einem Mal den EU-Beitritt und die Sicherheit der europäischen Gemeinschaftswährung attraktiv. Der Regierungswechsel hin zu einem Links-Grünen Bündnis öffnete den Weg für Beitrittsverhandlungen. Im Juli 2009 stellte die Regierung ein Beitrittsgesuch an die EU, ein Jahr später wurden offiziell die Verhandlungen aufgenommen. Vor allem durch die bestehende Mitgliedschaft in EWR und Schengen-Raum gibt es in vielen Feldern bereits eine Übereinstimmung der nationalen und der europäischen Gesetzgebung. Zehn der 33 Verhandlungskapitel konnten binnen eines Tages abgeschlossen werden. Aber um die heiklen Themen Umwelt, Landwirtschaft und Fischerei haben die Verhandlungsparteien bisher einen großen Bogen gemacht. Hier werden die Gespräche nicht so harmonisch bleiben.</p>
<h4><strong>Am Ende entscheidet das Volk</strong></h4>
<p>Und selbst wenn Brüssel und Reykjavík aufeinander zugehen und es zu einer Einigung auch in den schwierigen Themenfeldern kommen sollte, ist der EU-Beitritt alles andere als sicher. Nach abgeschlossenen Verhandlungen muss eine Volksabstimmung darüber entscheiden. Hier zeigen die Umfragen der Tageszeitung Fréttablaðið, dass die Europaskepsis der Isländer wieder zunimmt, je mehr sich die isländische Wirtschaft von der Krise erholt. Schon im September 2009 sprachen sich nur noch 38,5 Prozent der Befragten für den EU-Beitritt aus, im Oktober 2008 waren es noch 49 Prozent gewesen. Eigentlich bleibt man gern unter sich, auf der kalten Insel im Nordatlantik. Die EU und Island, das wäre keine Liebesheirat.</p>
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		<title>In Polen daheim, in Europa zu Hause</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Apr 2012 07:41:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Steinfeldt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Du & Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur & Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Bewegungsfreiheit]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit Polens Beitritt in die Europäische Union vor fast acht Jahren hat sich dieses Land stark gewandelt. Ein wichtiger Faktor dafür war die Bewegungsfreiheit innerhalb Europas. Sie brachte Polen neben materiellem Wohlstand auch gesellschaftliche Veränderungen. Eine polnische Gastfamilie lebt nun den europäischen Traum. <em>Von Alexander Steinfeldt</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2788" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Polen-Bewegungsfreiheit-Grenze-Schengen-EU.jpg"><img class="size-full wp-image-2788" title="Polen-Bewegungsfreiheit-Grenze-Schengen-EU" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/04/Polen-Bewegungsfreiheit-Grenze-Schengen-EU.jpg" alt="" width="620" height="346" /></a><p class="wp-caption-text">Am Grenzübergang in Swinemünde, der polnische Grenzstein und das Grenzschild der Europäischen Union. Bild: Alexander Steinfeldt</p></div>
<p><span class="firstLetter">A</span>ls ich im Jahr 2006 aus Breslau kommend gen Süden in die polnische Provinz fuhr und sich in der Ferne schon die Berge der Ostsudeten erhoben, fand ich rechts und links der Straße die eigenen Vorurteile wunderbar bestätigt: heruntergekommene Schuppen, löchrige Straßen und ärmliche Höfen &#8211; Ich war im „tiefsten Polen“ angekommen. In der Kleinstadt Głuchołazy verbrachte ich ein Austauschjahr.</p>
<p>Der 1. Mai 2004 – das Beitrittsdatum Polens in die Europäische Union – war da gerade zwei Jahre her. Das Datum bleibt in Polen auch heute noch als großes Fest und Aufbruch in eine neue Zeit in Erinnerung. Der damalige Präsident Aleksander Kwaśniewski sprach davon, dass Polen an jenem Tag &#8220;in die europäische Familie zurückgekehrt&#8221; sei. Für Polen bedeutete das politische Anerkennung, wirtschaftlichen Aufstieg und vor allem neu gewonnene Freiheiten. Der Schock des in den 1980er-Jahren verhängten Kriegsrechts in der damaligen kommunistischen Volksrepublik saß auch im Polen des 21. Jahrhunderts noch tief – die Erwartungen von Frieden und Wohlstand hingegen waren 2004 hoch.</p>
<h4><strong>Die EU befreite Polen</strong></h4>
<p>Zwei Jahre später holte meine polnische Gastmutter Alicja aus einer Schublade einen kleinen grünen Zettel hervor. Darauf zu lesen: „Mehl: 1000g – Schokolade: 100g – Fett: 375g – Alkohol: 1 Flasche“ Während sich Anfang der 1980er Jahre die Krise in Polen zugespitzt hatte, wurden Lebensmittel rationiert. Nur mit solchen Essensmarken konnte meine Gastmutter noch einkaufen gehen. Als sie Verwandte in der Nachbar-<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Woiwodschaft">Wojewodschaft</a> besuchen wollte, musste sie schon Monate vorher einen Antrag stellen. Mit Unbehagen blickt sie auf diese Zeit zurück. Schnell hat sie die Lebensmittelkarte wieder weggesteckt.</p>
<p>Mit dem Beitritt Polens in die EU galten nun europäische Rechte und Freiheiten – wenn auch noch eingeschränkt. Aus Angst vor einer Flut polnischer Billiglöhner nutzte Deutschland eine Sonderregelung, um die Arbeitnehmerfreizügigkeit zu begrenzen. Erst seit 2011 können auch Polen ungehindert Arbeit in Deutschland suchen. Andere EU-Länder hingegen erwarteten die günstigen Arbeitskräfte mit offenen Armen. Besonders Irland und Großbritannien profitierten während ihres Bau-Booms von den geringen Lohnkosten polnischer Handwerker. In den Jahren 2004-2006 wanderten rund 400.000 Polen nach Großbritannien ein.</p>
<h4><strong>Eine polnische Familie wandert nach Europa aus</strong></h4>
<p>Im Sommer 2007 machte sich mein polnischer Gastbruder Wojtek auf, um sich für einige Monate in Edinburgh als Tellerwäscher zu verdingen. Ein guter Freund hatte ihn eingeladen zu kommen. Andere Bekannte waren ihm bereits vorausgeeilt. In Głuchołazy hörte ich zu jener Zeit oft Geschichten von Familienvätern, die nach Italien als Fliesenleger oder in die Niederlande in die Fabrik gegangen waren, um Geld zu verdienen und es der Familie nach Hause zu schicken. Auch mein Gastvater Marian eilte hinaus in die weiten Europas. Als er in Polen seinen Job verloren hatte, arbeitete er für ein Jahr in Island.</p>
<p>Bei dieser Familie wundert es mich nicht sonderlich, dass sie sich schon früh westwärts orientierte. Besonders die Kinder sind offen aufgewachsen und begriffen die neuen Möglichkeiten in Europa als persönliche Chance. Wojtek, mein Gastbruder, ging für einige Monate auf eine deutsche Schule, arbeitete außer in Schottland auch noch als Saisonarbeiter auf einem hessischen Weingut. „Ich lerne jetzt drei Jahre an einem französischen Internat und mache dort ein europäisches Abitur.“, erzählte mir Aleksandra, die jüngste Schwester, die schon in der Schule Französisch lernte und für ihren Aufenthalt vom Staat ein Stipendium bekam. Tomek, der Freund der ältesten Gastschwester Marta, bekam nach dem Abschluss des Informatik-Studiums ein Jobangebot in Oslo, Norwegen.</p>
<h4><strong>Wachstum trotz „unpatriotischer Auswanderer“</strong></h4>
<p>Im Wahlkampf 2007 um das polnische Parlament, den Sejm, beschimpfte der noch amtierende Ministerpräsident Jarosław Kaczyński polnische Arbeitsmigranten als unpatriotisch und schädlich für das polnische Volk. Solche Stimmen hört man heute unter der rechtsliberalen Regierungspartei Bürgerplattform nicht mehr. Tatsächlich war der befürchtete Aderlass nach der Öffnung der Grenzen, also die Abwanderung von Fachkräften ins europäische Ausland, zwar schmerzlich, jedoch verkraftbar für die polnische Wirtschaft. Über die Jahre seit dem EU-Beitritt standen die Zeichen der Wirtschaft auf Wachstum – als einziges Land in der EU.</p>
<p>Als ich im Dezember 2011 meine Gastfamilie wieder besuchte, war ich von den Veränderungen, die über die Stadt gekommen waren, sehr schockiert. „In Głuchołazy wurde viel gebaut, wir können jetzt auch in deutschen Supermärkten wie Lidl oder Rossmann einkaufen gehen.“, erzählt mir Alicja, die Gastmutter. Da, wo knapp fünf Jahren noch die Häuser zusammenfielen, stehen heute westeuropäische Einkaufszentren oder neue Sportplätze. Die Menge an zurückgeflossenen Löhnen von Familienmitgliedern hatte in Głuchołazy einen kleinen Boom an Konsumgütern ausgelöst. Die Haushalte hatten sich neue Autos und Fernseher angeschafft, gönnten sich Reisen in ferne Länder oder investierten in Immobilien. In großen Schritten wollten die Polen den Standard erreichen, den sie in Westeuropa vermuten oder durch eigene Erfahrung selbst erlebten. Doch das hatte auch seinen Preis. In ganz Polen sind die Kosten für Lebensmittel, Mieten und Benzin gestiegen. Billige Einkaufsfahrten von Deutschen in polnischen Grenzstädten gehören der Vergangenheit an.</p>
<h4><strong>Geld und neue Ideen</strong></h4>
<p>Die polnische Bevölkerung hat die Chancen genutzt, die der EU-Beitritt ihr bot. Polen, die das Land verließen, um Geld zu verdienen, kommen auch immer wieder zurück. Und neben dem Geld, das Wohlstand in Polen ermöglichte, brachten die Zurückgekehrten auch Vorstellungen und Bereicherungen aus den Einwanderungsländern mit. Sie lernten neue Sprachen und Kulturen kennen und importierten neben Gebrauchsgütern auch Ideen wie Umwelt- und Verbraucherschutz. Ausdruck dafür können die starken Ergebnisse der Palikot-Bewegung bei den letzten Parlamentswahlen sein. Die sich von der Regierungspartei „Bürgerplattform“ abgespaltene, linksliberale Bewegung, die sich unter anderem für mehr Bürgerrechte und eine Trennung von Kirche und Staat einsetzte, erreichte aus dem Stand bereits 10% der Stimmen. Sie ist die Gegenbewegung zu den altkonservativen, nationalistischen Parteien, wie der &#8216;Recht und Gerechtigkeit&#8217; von Kaczyński.</p>
<p>Polen ist heute mit seinen politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen ein Beispiel für die europäische Integration, die den Gedanken ihrer Gründungsväter gerecht werden kann: Frieden und Verständigung unter den Völkern, kultureller und wirtschaftlicher Austausch. Es ist ein Nebeneinander von nationalen Interessen und europäischen Lösungen, von politischer und kultureller Eigenständigkeit und einer Eingliederung in das europäische Haus. Als Mittler zwischen den Euro- und Nicht-Euro-Staaten übernahm Polen immer wieder Verantwortung in einer der schwersten Krisen der Europäischen Union. „Polen ist angekommen in Europa und auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich“, erklärte meine Gastschwester Alicja ganz selbstbewusst.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kosovos Gräben überwinden</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Mar 2012 14:31:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Kaufmann Dimeski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Du & Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Freiwilligendienst]]></category>
		<category><![CDATA[Kosovo]]></category>

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		<description><![CDATA[Die tiefgreifenden Umbrüche auf dem Balkan erleben zwei Freiwillige aus Deutschland hautnah: Mit ihrer Arbeit in einem Jugendzentrum im Kosovo versuchen sie, Jugendliche der albanischen und serbischen Volksgruppen zusammen zu führen und ermuntern sie, ihr Stadtleben aktiv mitzugestalten. <em>Von Stefanie Kaufmann-Dimeski</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2774" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/03/Kosovo-Freiwilligendienst_web.jpg"><img class=" wp-image-2774" title="Kosovo - Freiwilligendienst_web" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/03/Kosovo-Freiwilligendienst_web.jpg" alt="" width="620" height="466" /></a><p class="wp-caption-text">Die SLH-Helfer Sebastian Böhm (19, Dritter von rechts) und Sarah Houter (18, Achte von links) mit &quot;ihren&quot; Jugendlichen aus dem Jugenzentrum Rahovec/Orahova. Bild: SLH 2011</p></div>
<p><span class="firstLetter">D</span>er Verein Schüler Helfen Leben (SHL) unterstützt seit 1994 nachhaltige Projekte in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Zurzeit ist der Verein mit 14 Projekten in Südosteuropa in den Bereichen Demokratie-, Bildungs-, Ver-söhnungs- und Jugendarbeit aktiv. Im vergangenen Jahr wurde der Verein von der Europa-Union mit der Europalilie für europäische Jugendarbeit ausgezeichnet. Sarah Houter (18) aus Augsburg und Sebastian Böhm (19) aus Leipzig arbeiten zusammen im Jugendzentrum von SHL-Kosova in Rahovec/Orahovac im Südwesten des Landes. Beide haben die Schule beendet und sich für 14 Monate auf das Abenteuer Freiwilligendienst im Kosovo eingelassen. Im Gespräch mit move berichten sie über das „Balkanfeeling“, den Kulturschock und die täglichen Herausforderungen, die ihr Freiwilligendienst im Kosovo mit sich bringt.</p>
<p><strong> move:  Ihr seid nun schon über sechs Monate im Kosovo. Gab es einen „Kulturschock“ bei eurer Ankunft?</strong></p>
<p>Sarah: Einen Kulturschock haben wir erst erlebt, als wir Ende Oktober kurz in Deutschland waren. Als ich hier im Kosovo ankam galt es zwar, viele neue Eindrücke zu verarbeiten, aber dennoch hatte ich das Gefühl, sehr schnell hinein zu finden, nicht zuletzt wegen der enormen Gastfreundlichkeit der Menschen hier. Da war es schwieriger wieder nach Deutschland zu kommen und zu spüren, wie unbeachtet dort die einzelnen Menschen in alltäglichen Begegnungen bleiben.</p>
<p><strong>m</strong><strong>ove: Könnt ihr drei Dinge nennen, die euch an Land und Leuten ausgesprochen gut gefallen und drei Dinge, an dir euch beim besten Willen nicht gewöhnen möchtet?</strong></p>
<p>Sarah: Ich mag die Landschaft des Kosovos – in die habe ich mich nämlich schon knapp 5 Sekunden nach unserer Ankunft verliebt. Außerdem bewundere ich hier die Gastfreundlichkeit der Menschen und ihren Mut. Denn sie haben so viel Leid ertragen und besitzen meist nicht sonderlich viel, aber dennoch bieten sie ihren Gästen alles an und haben es in so kurzer Zeit bereits geschafft, Vieles wieder- und neu aufzubauen. Und dann wäre da das „Balkan-Feeling“. Leider fällt es mir sehr schwer, dies genauer zu beschreiben. Es ist wohl ein Mix aus Gelassenheit, nicht in Eile sein, gemeinsam in Ruhe Kaffee trinken, Familienbanden und noch viel mehr. Kurzum etwas, das man eigentlich nur spüren kann, wenn man selbst hier ist und sich ganz darauf einlässt. Auf der anderen Seite ist es zum Beispiel schwierig zu sehen, wie wenig hier auf Umweltschutz geachtet wird, überall liegt Müll offen herum und wird verbrannt. Stärker noch stört mich, wie traditionell hier meist noch die geschlechterspezifischen Rollen verteilt sind und wie häufig junge Frauen nicht die Möglichkeit bekommen zu studieren, da sie heiraten (müssen) – hier schließen sich Heirat und Universität fast immer gegenseitig aus. Viele Kinder müssen hier bereits extrem viel Verantwortung auf sich nehmen und in mehreren Jobs gleichzeitig arbeiten, da die Familie ohne das Geld nicht überleben kann. Es ist allerdings gut zu spüren, dass man durch die Arbeit im Jugendzentrum etwas gegen genau diese Dinge unternehmen kann, auch wenn das natürlich immer nur ein Anfang ist.</p>
<p><strong>Move: Wie kamt ihr darauf ein Jahr Freiwilligendienst im Kosovo zu absolvieren?</strong></p>
<p>Sarah: Zum einen kannte ich SHL bereits sehr gut und fand diese Arbeit unterstützenswert und die gesamte Orga-nisation sehr sympathisch, insbesondere mit dem Kosovo-Projekt des SHL konnte ich mich besonders gut identifizieren. Zum anderen habe ich über meine Großeltern einen persönlichen Bezug zum Balkan. Sie waren Donauschwaben, also im ehemaligen Jugoslawien geborene Deutsche, die bis zum 2. Weltkrieg ihr gesamtes Leben in einem Dorf in der Nähe von Novi Sad in Serbien verbrachten, dann aber nach Deutschland zurückkehren mussten. Dadurch war in unserer Familie immer ein bisschen Balkan zu fühlen. Wir lernten als wir klein waren nicht nur deutsche, sondern auch serbische Kinderreime und daher wollte ich den Bal-kan immer schon selbst entdecken. Die Region hat mich schon immer politisch und geschichtlich fasziniert, ebenso die Kultur und speziell die Balkan-Musik. Für das Kosovo entschied ich mich auch, weil in diesem Land die Unabhängigkeit erst 3 Jahre her ist und die Bevölkerung mit verschiedensten Problemen zu kämpfen hat. Ich wollte mir ein eigenes Bild dieser Region machen, Veränderungen selbst miterleben und sehen, wie die Menschen hier leben.</p>
<p><strong>move:  Hatten eure Familie und Freunde Bedenken? Oder sogar ihr selber?</strong></p>
<p>Sarah: Meine Familie war zu Anfang sehr skeptisch. In ihren Köpfen war der Kosovo nach wie vor eine Kriegsregi-on. Meine Freunde gingen damit deutlich entspannter um, wahrscheinlich auch weil sich viele von ihnen zu dieser Zeit ebenfalls für Freiwilligendienste im Ausland beworben haben. Ich selbst fragte mich, ob ich mich gut in das Projekt und in mein neues Umfeld einfinden kann. Hier stand mir SHL auch stark zur Seite und beantwortete viele Fragen von mir oder meinen Eltern.</p>
<p><strong>move: Ihr arbeitet im SHL Kosova im Jugendzentrum, Rahovec/Orahovac. Mit wem arbeitet ihr dort zusammen und wie sieht euer Tagesablauf aus?</strong></p>
<p>Sarah: Neben Sebastian und mir gibt es im Jugendzentrum 5 MitarbeiterInnen. Wir haben keinen typischen Ar-beitsablauf, da wir je zwei Tage die Woche im oberen Jugendzentrum (serbischer Stadtteil) und je 3 Tage die Woche im unteren Jugendzentrum (albanischer Stadtteil) arbeiten. Wenn wir oben sind, dann haben wir alleine die Aufsicht für die Jugendlichen und Kinder, unten arbeiten wir auch im Büro, um etwas Papierkram zu erledigen. Daneben bieten wir oben wie unten wöchentliche Aktivitäten, wie Diskussionsrunden, Sprach- oder Gitarrenkurse an, und planen einmalige Aktivitäten, wie zum Beispiel eine Demonstration am Internationalen Tag der Demokratie oder einen Theater-Workshop. Somit sieht jeder Tag anders aus, je nachdem wie wir ihn gestalten wollen.</p>
<p><strong>move:  Das Jugendzentrum besteht also aus zwei Teilen, aufgeteilt in den serbischen und den albanischen Teil der Stadt. Wie kann man sich das vorstellen?</strong></p>
<p>Sebastian: In der Tat haben wir zwei Jugendzentren, sowohl eins im unteren albanischen Stadtteil als auch eins im oberen serbischen Stadtteil. Das untere Jugendzentrum wurde nach dem Kosovo-Krieg im Jahr 2000 mit Hilfe junger Menschen aus Deutschland aufgebaut. Es bietet Platz für fast alles, was das Herz begehrt. Wir können dort sämtliche Aktivitäten anbieten, von Kunst-, Musik-, Sprach-, oder Sportkursen bis zu Bewerbungstrainings, Vorlesungen oder Filmabende. Dieses Haus steht ausdrücklich für alle Ethnien der Stadt offen. In der Realität erfordert es jedoch weiterhin großer Überzeugungsarbeit, serbische und Roma Jugendliche für Aktivitäten gemeinsam mit den albanischen Jugendlichen zu gewinnen, und andersherum. Deshalb wurden im serbischen Stadtteil weitere Räumlichkeiten angemietet, um den Jugendlichen dort den Zugang zu unseren Aktivitäten zu erleichtern und ihre Vorbehalte abzubauen.</p>
<p><strong>move: Spiegelt diese Teilung des Jugendzentrums die Gesamtsituation im Land, bzw. in der Stadt Rahovec/Orahovac wieder?</strong></p>
<p>Sebastian: Die Teilung unseres Jugendzentrums ist tatsächlich ein Spiegelbild der tiefen Gräben zwischen der alba-nischen und serbischen Gemeinschaft in Kosovo. Die serbischen Minderheiten bilden in Kosovo weitestge-hend eine Parallelwelt. In den meisten serbischen Läden wird mit serbischem Dinar bezahlt, offizielle kosovarische Währung ist Euro. Während zu Zeiten Jugoslawiens in den Schulen des Kosovo sowohl serbisch als auch albanisch unterrichtet wurde, sprechen heutzutage die meisten jungen Menschen nur noch ihre Muttersprache, sodass alleine die sprachlichen Barrieren einem serbisch-albanischem Austausch stark im Weg stehen. In Rahovec/Orahovac könnten sich über den gemeinsamen Dialekt Rahovecki &#8211; eine Mischung aus u.a. albanisch, serbisch und türkisch –prinzipiell alle Leute verständigen. Dennoch erleben wir häufig verängstigte Familien, die ihre Kinder aus Angst vor Schikanen nicht in den jeweils anderen Stadtteil lassen. Zwar entspannt sich die Lage in unserer Region langsam, doch in Nordkosovo ist die Angst angesichts der neuesten Unruhen an der kosovarisch-serbischen Grenze präsenter.</p>
<p><strong>move: Wie wirkt sich diese ethnische Vielfalt auf das Stadtbild aus?</strong></p>
<p>Sarah: Rahovec/Orahovac hat über 25.000 EinwohnerInnen. Dennoch wirkt es eher wie ein Dorf. Es gibt viele klei-ne Läden, Cafés und Bars, in denen sich man täglich trifft und sich ausgiebig über neueste Geschichten von Rahovec austauschen kann. 90% der Bewohner von Rahovec/Orahovac sind albanisch und leben im unteren, albanischen, Teil der Stadt. Hier finden sich so gut wie alle öffentliche Einrichtungen, Banken, Postamt, Supermarkt, Restaurants und Schulen. Um in den serbischen Stadtteil Orahovac zu gelangen muss man die größeren Straßen verlassen und über kleinere Gassen den Berg rauf. Dort leben neben Serben auch viele Roma- und Ashkalifamilien. Der obere Teil ist infrastrukturell im Vergleich zu unten nicht so gut ausgestattet, Strom- und Wasserausfälle stehen auf der Tagesordnung. So kommt seit unserer Ankunft im Sommer in unserem Haus im oberen Stadtteil durchweg nur von 2Uhr bis 6Uhr nachts Wasser aus der Leitung. Die restliche Zeit müssen wir Plastikbecher für Plastikbecher Wasser aus unseren großen Wasserkübeln in unserem Bad entnehmen. Das kulturelle Leben ist leider überschaubar. Jeden Samstag gibt es im Barcode, der beliebtesten Bar der Stadt, eine Party. Unserer Erfahrung nach ist dort aber um 23Uhr Feier-abend. Für mehr Kultur oder größere Events müssen wir dann die größeren Städte in der Umgebung ansteuern. Alles in allem ist Rahovec eine große Gemeinschaft. Das macht oft den Eindruck einer großen Familie, in der sich jeder kennt und alle über alle Bescheid wissen. Auf einer Seite gibt zwar natürlich die ethnische Teilung, allerdings ist die lokale Bevölkerung durch die dörfliche Struktur von Rahovec durchaus auch eine Gemeinschaft. Nach außen zeigen die Rahovecer quasi, dass sie eine Familie sind. Wenn man aber mal genauer reinkommt in diese Strukturen sieht man die ganzen Probleme und die gegenseitige Ablehnung.</p>
<p><strong>move: Was motiviert euch bei eurer Arbeit im Jugendzentrum?</strong></p>
<p>Sebastian: Es macht unglaublich Laune mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten und was gemeinsam auf die Beine zu stellen. Wir wollen die Jugendlichen vor Ort ermuntern, selber Initiative und Engagement ergreifen, angestoßen und unterstützt durch unseren Einsatz. Wir wollen mit unserer Arbeit Anknüpfungspunkte für loka-le Jugendliche bieten, sich in soziale, ökologische oder politische Themen der Gemeinde einzubringen. Wir planen zurzeit einen Umwelttag, in dem wir verschiedene Facetten eines ökologisch nachhaltigen Lebens in Rahovec/Orahovac beleuchten. Das Konzept ist aus Ideen von uns und von lokalen Jugendlichen entstanden. Unserer Arbeit sind praktisch nur die finanziellen Grenzen einer NGO gesetzt, sodass man sich immer wieder neue Sachen einfallen lassen kann und muss, um mit möglichst geringem Budget wirkungsvolle Pro-jekte zu organisieren und durchzuführen.</p>
<p><strong>move: Musstet ihr auch schon mal mit frustrierenden Situationen oder Rückschlägen umgehen?</strong></p>
<p>Sebastian: Manchmal gehen unsere gemeinsamen Ideen wunderbar auf. An manchen anderen Tagen aber kommt der berühmte Griff ins Klo und alles was wir uns vorher überlegt haben läuft anders als geplant. Das liegt möglicherweise nur an Missverständnissen in der Verständigung, was angesichts von meist vier Arbeits-sprachen auch mal vorkommen kann. Nicht alles kann auf Anhieb klappen muss, das muss man akzeptieren. Wir müssen zum Beispiel mit ansehen, dass familiäre Verpflichtungen und ethnische Zugehörigkeit häufig Entscheidungen der Jugendlichen mehr beeinflussen, als ihr eigener Wille. Doch wir haben uns das Ziel gesetzt, diese Strukturen aufzubrechen und den Jugendlichen zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen. Dieser Weg ist lang und erfordert viele kleine Schritte. Bezüglich großer gesellschaftlicher Umstürze durch unsere Arbeit müssen wir viel Geduld aufbringen.</p>
<p><strong>move: Was wollt ihr während eurer Zeit im Kosovo noch unbedingt machen?</strong></p>
<p>Sebastian: Der Freiwilligendienst hier bietet uns wahnsinnigen Freiraum selbst zu entscheiden, was wir aus unserem Jahr hier machen. So planen wir zum Beispiel ein Streetartfestival im Sommer oder ein Umweltaktionstag mit Fahrraddemo in Rahovec/Orahovac. Ansonsten gilt es über den Winter weiter unsere regelmäßigen Ak-tivitäten zu etablieren. Ich hab zum Beispiel den festen Wunsch bis zum Frühling eine Band aufzubauen, andere Pläne liegen noch in der Schublade. Was die Freizeit angeht gilt es, so viel wie möglich durch den Balkan zu reisen, mal nach Istanbul zu fahren, das ein oder andere Musikfestival mitzunehmen. Dafür ha-ben wir jetzt auch ein Auto zur Verfügung, sodass uns praktisch keine Grenzen mehr gesetzt sind.</p>
<p><strong>move: Was denkt ihr werdet ihr aus eurem Freiwilligendienst im Kosovo mitnehmen?</strong></p>
<p>Sebastian: Wir durften Leute kennenlernen, die trotz der schwierigen Situation im Land ihre Lebendigkeit beibehalten haben und einem immer wieder eine ungeheure Gastfreundschaft und Herzlichkeit entgegenbringen Das Kosovo ist wie der gesamte Balkan ein kulturell sehr interessantes Land, welches gerade mitten im Um-bruch steckt und mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat. Es ist spannend, diese Veränderungen mit zu verfolgen.</p>
<p><strong>move: Möchtet ihr anderen Jugendlichen, die sich für einen Freiwilligendienst interessieren, etwas auf den Weg geben?</strong></p>
<p>Sebastian: Dem- oder derjenigen, welcher gerade selber vor der Entscheidung steht, was er nun nach überstandener Schulzeit machen sollte, dem kann ich nur empfehlen, ins Ausland zu gehen. Die Chance ein Jahr ein fremdes Land und dessen Menschen kennen zu lernen, eine neue Sprache zu lernen, und dabei auch noch was auf die Beine zu stellen ist vielleicht günstiger denn je.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4><strong>Mehr Infos:</strong></h4>
<p><strong>Die Lage im Kosovo:</strong> Nach dem Zeiten Weltkrieg war Kosovo Teil der Jugoslawischen Föderation als autonomische Provinz Serbiens. Nach dem Tod des jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito und der wirtschaftlichen Krise der 1980er und 1990er Jahre radikalisierten sich die Auseinandersetzun-gen zwischen den Bevölkerungsgruppen der ethnischen Serben (orthodox) und der Kosovo-Albaner (muslimisch). Der Kosovo-Krieg 1998/1999 wurde mit einem NATO-Einsatz beendet und Kosovo unter UN-Mission gestellt. Am 17. Februar 2008 erklärte sich das Kosovo einseitig unabhängig. Seither haben das jüngste Land Europas mehr als 80 Staaten anerkannt, darunter 22 EU-Mitgliedsstaaten. Serbien hält Kosovo immer noch für einen Teil seines Territoriums. Im Norden des Kosovos leben mehrheitlich ethnische Serben, die die Zentralregierung in Pristina nicht anerkennen.</p>
<p>Der bundesweit jährlich stattfindende <strong>Soziale Tag</strong> zählt zu dem wichtigsten Bestandteil der Arbeit vom Verein Schüler Helfen Leben. An dem Tag gehen Schüler und Schülerinnen aus allen Ecken Deutschlands einen Tag lang jobben und spenden den Erlös für die Projekte auf dem Balkan. Hundertausende Jugendliche sammelten seit Beginn der Aktion mehr als 18 Millionen Euro. Mit diesem Geld konnten bisher 130 Projekte im Bereich Jugendsozial – und Friedensarbeit gefördert werden. Der diesjährige Soziale Tag findet am 14. Juni 2012 statt. Schüler und Klassen können sich <a href="http://www.schueler-helfen-leben.de/index.php?id=132">hier</a> informieren.</p>
<p><strong>Haben die Erfahrungen von Sarah und Sebastian euch neugierig gemacht?</strong> Der Verein Schüler Helfen Leben bietet die Möglichkeit Freiwilli-gendienste auf dem Balkan sowie das Freie Soziale Jahr (FSJ) zu absolvieren. Die aktuellen Bewerbungsfristen für einen Aus-landsfreiwilligendienst 2012/13 und ein FSJ ab August laufen bis zum 25. Februar 2012. Weitere Informationen findet ihr unter:<br />
<a href="http://www.schueler-helfen-leben.de/de/home/stiftung/freiwilligendienst/freiwilligendienst_auf_dem_balkan.html">&gt;&gt;&gt; Freiwilligendienst</a><br />
<a href="http://www.schueler-helfen-leben.de/de/home/verein/fsjverein.html">&gt;&gt;&gt; FSJ</a></p>
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		<title>Der andere Europäer</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 08:16:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Veronika Völlinger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Euro]]></category>
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		<category><![CDATA[Sarkozy]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[In Frankreich stehen Präsidentschaftswahlen an. Der Sozialist François Hollande könnte dem konservativen Nicholas Sarkozy gefährlich werden. Was passiert, wenn die Franzosen inmitten der größten Krise der Europäischen Integration ihr Staatsoberhaupt wechseln?  Und wie europäisch ist eigentlich der Herausforderer Hollande? <em>Von Veronika Völlinger</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2766" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/03/Francois-Hollande-Benjamin-Géminel-flickr.jpg"><img class=" wp-image-2766" title="Francois Hollande - Benjamin Géminel - flickr" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/03/Francois-Hollande-Benjamin-Géminel-flickr.jpg" alt="" width="620" height="418" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Normalo zum Anfassen, besonders für junge Menschen? Präsidentschaftskandidat François Hollande bei einem Spaziergang auf dem marché de Bastille in Paris am 12.Februar 2012. Bild: Bejamin Géminel / flickr.com</p></div>
<p><span class="firstLetter">F</span>rançois Wer? François Hollande! Ein Mann, wie er unscheinbarer nicht sein könnte, will Nicholas Sarkozy in diesem Frühjahr vom Thron stoßen. Seine Schwäche, als unauffällig zu gelten, macht der Präsidentschaftskandidat der Parti Socialiste (PS) dabei zu seiner Stärke: Er ist der Anti-Sarkozy und will dem französischen Volk ein „président normale“ sein – ein ganz normaler Präsident. Diese Strategie könnte aufgehen, denn von nichts sind die Bürger zwischen Calais und Côte d’Azur mehr genervt, als von den Allüren ihres jetzigen Staatsoberhauptes.</p>
<p>Die Zufriedenheit und Identifizierung mit dem Präsidenten hat in Frankreich einen hohen Stellenwert. Das französische Staatsoberhaupt wird vom Volk direkt und auf fünf Jahre gewählt. Sein Aufgabenbereich umfasst nicht nur, wie in Deutschland, repräsentative Funktionen, sondern ermöglicht ihm umfassende politische Einflussnahme. Gewählt wird in zwei Wahlgängen: Ihr erstes Kreuzchen können die Franzosen in diesem Jahr am 22. April setzen, für die Stichwahl werden sie am 6. Mai wieder zur Wahlurne gebeten.</p>
<h4><strong>Alles neu macht der Mai?</strong></h4>
<p>Seit seiner Nominierung liegt François Hollande in den Umfragen vorne. Die neusten Ergebnisse stellen ihm einen Stimmenanteil von 32% im ersten Wahlgang in Aussicht. Ein Viertel der Wähler würde für Nicholas Sarkozy votieren, den dritten Rang belegt die Kandidatin der rechtsextremen „Front National“ Marine Le Pen mit 16%. In einer Stichwahl zwischen Sarkozy und Hollande, hätte letzterer mit 59% der Stimmen ebenfalls die Nase vorn.</p>
<p>Die Präsidentschaft wäre der Höhepunkt der über 30-jährigen politischen Karriere Hollandes. Der 57-Jährige Jurist studierte an französischen Eliteuniversitäten und trat 1979 in die PS ein. Zwei Jahre später wirkte er im Wahlkampfteam von Präsidentschaftskandidat François Mitterand mit, der François Hollande nach dem Wahlsieg zu einem seiner Berater machte. Bürgermeister, Mitglied in Gemeinde- und Regionalräten, Präsident eines Generalrates, Abgeordneter der Nationalversammlung, Europäisches Parlament – Die Liste von Hollandes bisherigen Wahlmandaten ist lang. 11 Jahre war er zudem Vorsitzender seiner Partei. Nur ein Ministeramt blieb ihm immer verwehrt.</p>
<h4><strong>Ein Polit-Profi greift an</strong></h4>
<p>Manch einer spottete zu Beginn der Kandidatur über Hollandes unauffälliges Buchhalter-Image und tut es auch jetzt noch. Doch durch kluge Reden konnte der Sozialist in den letzten Monaten sein Image verbessern. Er wirkt ruhig, kompetent und scheint eher zu integrieren als zu polarisieren. Außerdem profitiert er davon, dass die Wirtschaftslage sich unter Sarkozy stetig verschlechterte: Steigende Arbeitslosenzahlen, schrumpfende Wirtschaft und der Verlust des Top-Ratings AAA scheinen die Wähler in die Arme der Alternative zu treiben.</p>
<p>Sollte das französische Volk Hollande tatsächlich zu seinem nächsten Präsidenten küren, wird das vertraute Bild des deutsch-französischen Doppels Angela Merkel und Nicolas Sarkozy bald der Vergangenheit angehören: Ob bei EU-Gipfeln oder zuletzt im gemeinsamen Fernsehinterview – Noch sind Merkozy ein Herz und eine Seele. Dafür strichen sie auf beiden Seiten des Rheins allerdings nicht nur Lob ein. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel fand’s „peinlich“ und der Sozialist François Hollande setzte geschickt auf den französischen Nationalstolz: „Frankreich hat sich Deutschland komplett unterworfen“.</p>
<h4><strong>Wahlkampfhilfe made in Germany</strong></h4>
<p>Aber auch das linke Lager verbrüdert sich. Auf dem SPD-Parteitag im Dezember 2011 war François Hollande Gast und Redner. Gegenüber der Rheinischen Post nannte die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin und SPD-Vize Hannelore Kraft es eine „Selbstverständlichkeit“, den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten der Franzosen zu unterstützen.</p>
<p>Eine flammende Rede für Europa hielt Hollande dort, auf dem SPD-Parteitag. Aber er brennt für ein anderes Europa als die Bundeskanzlerin. Und darin liegt der Zündstoff für die deutsch-französischen Beziehungen und die Zusammenarbeit für Europa. Der Sozialist Hollande spricht sich für Euro-Bonds aus, ebenso für mehr Eingriffe der Europäischen Zentralbank (EZB) hinsichtlich aktiver Wachstumspolitik. Er verficht hier alles, was Angela Merkel ablehnt. Er ist gegen eine Schuldenbremse und gegen die jetzige Form des EU-Fiskalpakts, wie er im Dezember ausgehandelt wurde. All das befürwortet Angela Merkel. Nur beim Ja zur Finanztransaktionssteuer sind sich beide einig.</p>
<p>Auch Hollandes innenpolitische Programme werden kontrovers diskutiert. Er will umverteilen: Reiche, Banken und Unternehmen sollen stärker besteuert werden, dafür erhält die Industrie und die Jugend Förderung. Das Renteneintrittsalter will er wieder auf 60 senken und für das Ende seiner Amtszeit rechnet er mit einem ausgeglichenen Haushalt. Große Ziele sind das. Hollandes Versprechen über Umverteilung treffen den Zeitgeist, Experten halten seine Programme allerdings für unbezahlbar und fürchten eine höhere Verschuldung.</p>
<h4><strong>Merkollande statt Merkozy?</strong></h4>
<p>Bei den Wahlgängen im April und Mai spielen viele Faktoren zusammen. In einer Stichwahl zwischen Hollande und Sarkozy fällt ins Gewicht, auf welche Seite sich die Unterstützer der rechten Kandidatin Marine Le Pen schlagen werden. Vielleicht auch schon im ersten Wahlgang, noch hat die Nummer drei in den Umfragen nämlich die zur Kandidatur nötigen Unterschriften nicht zusammen. Auch der richtig heiße Wahlkampf fängt gerade erst an zu köcheln und wird sich wohl noch verschärfen.</p>
<p>Ein Machtwechsel ist durchaus wahrscheinlich, mit Merkozy könnte es also bald vorbei sein. Die Zukunft wäre dann eher von Konflikten als von Konsens geprägt. Oberste Priorität hat für Deutschland der Schuldenabbau und die Stabilisierung der Eurozone. Hollande will zunächst Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich schaffen und Europa mit aktiver Wachstumspolitik wieder nach vorn bringen. Im Grunde verfolgen beide Linien das gleiche Ziel: Ein starkes Europa, das für die Zukunft gewappnet ist. Bloß sehen ihre Wege dorthin anders aus.</p>
<p>Rätselnde Redakteure basteln derweil schon an neuen Spitznamen für ein deutsch-französisches Doppel. Merlande und Merkollande geistern hier und da bereits durch Berichte und Kommentare. So einfach sich Namen auch vereinigen lassen: Schwierig könnte das bei einer deutsch-französischen Europa-Politik werden, wenn auf beiden Seiten des Rheins grundverschiedene Meinungen darüber herrschen, wie es mit Europa während und nach der Euro-Krise schlussendlich weitergehen soll.</p>
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		<title>Nur ein normales Leben</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Feb 2012 17:01:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Kaufmann Dimeski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturecke]]></category>

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		<description><![CDATA[In seinem Film <em>Parada</em> begeht der Regisseur Srđan Dragojević einen Tabubruch, indem er das Thema Homophobie in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens auf die Leinwand bringt. Bei der diesjährigen Berlinale erweist sich der Film als Publikumserfolg. <em>Von Stefanie Kaufmann-Dimeski</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2750" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Bild_1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2750" title="Bild_1" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Bild_1-300x168.jpg" alt="" width="300" height="168" /></a><p class="wp-caption-text">Radmilo (links) und Limun (rechts) auf ihrer Spritztour im pinken Fićo. Auf ihrer Reise wird das Auto mit immer neuen Graffiti zum Sinnbild der Feindseligkeiten.. Bild: MUBI Press</p></div>
<p><span class="firstLetter">B</span>ist du eigentlich so geboren?“, fragt Limun den homosexuellen Tierarzt Radmilo, während sie zusammen in einem kleinen, pinken, yugo-nostalgischem Fico die kroatische Schotterpiste kurz nach der serbischen Grenze meistern. Radmilo antwortet mit einem bewussten Nicken in Richtung Limun. Ein unterschiedlicheres Paar kann man sich kaum vorstellen: Mickey Limunist ist der typischen Balkan-Macho: hart, patriotisch und kämpferisch. Einer, der während der Jugoslawien-Kriege für die serbische Armee kämpfte und in seinem Umfeld als Kriegsveteran große Anerkennung erfährt. Auf der anderen Seite Radmilo, der gutausgebildete Arzt, der zusammen mit Gleichgesinnten in einer lokalen NGO für die Rechte und Anerkennung der Homosexuellen kämpft. Er, der tagtäglichen Schikanen ausgesetzt ist und sein Leben llang auf die Anerkennung seines Vaters hofft. Er will einfach nur ein normales Leben führen. Doch gemeinsam haben sie eine Mission: Die Gay Pride Parade in Belgrad stattfinden zu lassen. Zwar sind beide Protagonisten zunächst durch unterschiedliche Motive getrieben: Während Limuns Hochzeit auf dem Spiel steht, möchte Radmilo stolz mit seinem Partner und anderen Aktivisten die Gay Pride in Serbien laufen. Als Limun, der mit seinem Sicherheitsdienst aus serbischen Veteranen und Ex-Kriminellen die Aktivisten auf der Parade beschützend begleiten soll, Ablehnung und Unverständnis seitens seiner Clique erfährt, macht er sich zusammen mit Radmilo auf, um seine Freunde in den anderen Balkanstaaten zu mobilisieren.</p>
<h4><strong>Lachen erlaubt</strong></h4>
<p>Regisseur Srđan Dragojević stellt mit Parada „Dinge auf den Kopf“, wie er sagt, denn seinen Film erzählt er nicht als Dokumentation oder klassisches Drama, sondern im Filmgenre der Dramedy – einer Mischung aus Drama und Komödie. Mit Witz und Ironie bearbeitet er die eigentlich bitterernste Thematik. Auf der ersten Gay Pride in Belgrad 2001 wurden Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle von gewaltbereiten Gegendemonstranten der Hooligan- und rechtsradikalen Szene so brutal angegriffen, dass die Parade abgebrochen werden musste. Erst sieben Jahre später, in denen die rechtliche Situation von Homosexuellen mit einem umfassenden Antidiskriminierungsgesetz gestärkt wurde, wurde ein weiterer Versuch unternommen, die Gay Pride auf Belgrads Straßen zu veranstalten. Den erneuten Einschüchterungsversuchen der Ultras und Extremisten wurde jedoch nachgegeben und die Veranstaltung kurzfristig aus Sicherheitsgründen abgesagt. Auch der Film wurde aufgrund der Gewaltbereitschaft der Gegner größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit gedreht. Trotzdem wurde die Windschutzscheibe des Regisseurs mehrmals nach der Premiere demoliert.</p>
<p>Der Film thematisiert jedoch nicht nur Homosexualität in einer zum großen Teil homophoben Gesellschaft – auch wenn das sicher das Kernthema ist. Sondern er stellt sich, als länderübergreifende Produktion, auch als Film der Völkerverständigung dar. Schauspieler und Crew stammen aus allen ehemaligen Staaten Jugoslawiens. Limuns Freunde Roko (Kroate), Halil (Bosnier) und Azem (Kosovo-Albaner) trotzen dem Irrsinn der ethnisch-religiösen Politisierung während der jugoslawischen Sezessionskriege und nehmen sich gegenseitig auf den Arm.</p>
<h4><strong>Ein Film für den „durchschnitts-homophoben Zuschauer“</strong></h4>
<p>Kritisch muss angemerkt werden, dass der Film nicht alle Tabus bricht. Im Film wird keine Kuss- und Liebesszene unter Homosexuellen gezeigt &#8211; eben nichts, was den „durchschnitts-homophoben Zuschauer“ davon abhalten könnte ins Kino zu gehen, wie der Regisseur selbst sagt. Er wolle diesen Menschen zunächst ins Kino holen, um ihnen dann zu zeigen, dass wir alle menschlich sind, und dass „Veränderung bei jedem möglich ist“, sogar bei einem so starsinnigen Charakter, wie Limun. Der Film könnte dazu dienen, einen offenen Dialog zu ermöglichen, da Homophobie und Unwissen über HIV/AIDS in der serbischen Gesellschaft noch immer stark verbreitet sind. Die Orthodoxe Kirche, welche einen starken Einfluss auf die zu 85% orthodoxe serbische Gesellschaft hat, trägt dazu bei. Ihr Patriarch bezeichnet die Gay Pride als „Scham“ und proklamiert weiterhin das traditionelle Familienbild.</p>
<p>Nach brutalen Ausschreitungen und über 100 Verletzten und etwa 6000 Gegendemonstranten auf der Gay Pride 2010, wurde die Veranstaltung letztes Jahr erneut von der Polizei abgesagt. Parada ist ein gelungener Film, der eindringlich mit Ironie die tiefen Grabenkämpfe der serbischen Gesellschaft zeigt und trotzallem Mut macht für die Gay Pride 2012 in Belgrad.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Trailer (serbisch):</strong></p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/PKS8iDetwMA" frameborder="0" width="640" height="360"></iframe></p>
<h4></h4>
<h4><strong>Bisherige Werke des Regisseurs:</strong></h4>
<p>Parada (2011)</p>
<p>St. George Shoots the Dragon (2009)</p>
<p>Mi nismo anđeli 2 (2005)</p>
<p>The Wounds (1998)</p>
<p>Pretty Village, Pretty Flame (1996)</p>
<p>Dva sata kvalitetnog programa (1994)</p>
<p>We Are Not Angels (1992)</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Schützende Hände</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 10:38:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dennis Waltz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Weltbühne]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Syrien]]></category>

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		<description><![CDATA[Russlands Veto ließ die Resolution im UN-Sicherheitsrat gegen das syrische Regime scheitern. Aus russischer Sicht gibt es gute Gründe, die schützende Hand über den alten Verbündeten zu legen. Europa hingegen hatte in der Syrien-Frage auf die Vereinten Nationen gesetzt und sucht nun nach einer neuen Strategie – mit oder ohne Russland. <em>Von Dennis Waltz</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2761" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Syrien-Jan-Sefti-wikipedia-Anti_Assad_graffiti_on_walls_march_2011_syria.jpg"><img class=" wp-image-2761" title="Syrien - Jan Sefti - wikipedia - Anti_Assad_graffiti_on_walls_march_2011_syria" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Syrien-Jan-Sefti-wikipedia-Anti_Assad_graffiti_on_walls_march_2011_syria.jpg" alt="" width="620" height="465" /></a><p class="wp-caption-text">„Nieder mit Bashar“ - Diese Forderung der syrischen Aufständischen teilt die russische Regierung nicht. Bild: Jan Sefti / wikipedia.org</p></div>
<p><span class="firstLetter">B</span>ereits zwei Tage nach der Abstimmung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist Lawrow in der syrischen Hauptstadt Damaksus eingetroffen. Hier sollte er offiziell als „Vermittler“ zwischen Präsident Bashar al-Assad und dem aufständischen Volk agieren, nachdem seine Regierung die Resolution – eingebracht von der Arabischen Liga – zusammen mit China per Veto gestoppt hatte. Die russische Politik befasse sich nicht damit, „irgendwen um seinen Rücktritt zu bitten“, so Lawrow. Gleichwohl schiebt er nach: „Wir sind keine Freunde und keine Verbündeten von Assad.“</p>
<h4><strong>Granaten fallen auf Homs – Doch Putin denkt langfristig</strong></h4>
<p>Derweil nehmen die Angriffe der syrischen Regierungstruppen auf Regime-Gegner drastisch zu. Die syrische Opposition kommentierte das russisch-chinesische Veto als „Lizenz zum Töten“ für Assad. Daher schaut die Welt jetzt gespannt auf Lawrows Agieren in den Wochen und Monaten danach: Wird Moskau einen ernsthaften Vermittlungsvorschlag unterbreiten – oder doch nur dem amtierenden Machthaber den Rücken stärken?</p>
<p>Das russische Außenministerium verkündete parallel zum Besuch Lawrows in Damaskus: „Russland ist […] entschlossen, eine Stabilisierung der Situation in Syrien zu erzielen, und zwar auf dem Weg der schnellen Umsetzung dringender demokratischer Reformen.“ Das russische Führungsduo aus dem amtierenden Präsidenten Dimitri Medwedew und dem künftigen Wladimir Putin hält es daher für zu „einseitig“, der Regierung Assad die Alleinschuld an der Eskalation der Gewalt im Lande zu geben.</p>
<p>Inoffiziell gelten ökonomische Interessen als einer der Hauptgründe für das Blockieren der Resolution: Syrien kauft Waffen in Russland, Russland kauft Öl in Syrien. Das Land unterhält zudem in Tartus seine einzige ganzjährig eisfreie Nachschubbasis, die letzte am Mittelmeer. Die Bande zwischen Russland und Syrien ist ein Relikt des Kalten Krieges, denn Syrien definiert sich bis heute als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Baath-Partei">ein sozialistisch regiertes</a> und daher traditionell gen Moskau orientiertes Land.</p>
<h4><strong>Antirussiche Proteste in arabischen Staaten</strong></h4>
<p>Nach dem Nein zur Syrien-Resolution war es vor mehreren russischen diplomatischen Vertretungen im arabischen Raum zu Protestaktionen gekommen: In Tripolis, Libyen, schlugen sie in Gewalt um – dutzende Demonstranten verkündeten zuerst antirussische Losungen, bevor sie auf das Dach der Botschaft kletterten, Überwachungskameras zerstörten und die russische Flagge herunterrissen.</p>
<p>Die Länder des Golfkooperationsrats wiesen wegen des „Massakers“ die syrischen Botschafter aus ihren Ländern aus und riefen auch die eigenen Botschafter aus Damaskus heim. Dieses deutliche Signal wurde von allen EU-Staaten unterstützt, indem sie gleichfalls ihre Botschafter abzogen.</p>
<p>Der Ministerpräsident des Nachbarlandes Türkei, Erdogan, fordert seit November 2011 regelmäßig den Rücktritt Assads. Das Land unterstützt daher jede internationalen Initiative zur Beilegung des Konflikts in Syrien, auch weil die Türkei im Moment etwa 10.000 syrische Flüchtlinge beherbergt. Für die Türkei ist es ein schmaler Grat: Sie will Assad fallen sehen, aber selbst nicht in einen Krieg hineingezogen werden.</p>
<h4><strong>Die EU muss ihren Kurs anpassen</strong></h4>
<p>Die EU sucht indes nach einer neuen Strategie. Europäische Diplomaten hatten vor der Abstimmung viel Energie investiert, Russland einen gemeinsamen Kurs schmackhaft zu machen. Dies ist trotz aller Zugeständnisse gescheitert. Europa braucht einen Plan B ohne Russlands Kooperation im Weltsicherheitsrat. Zunächst sollen weitere Sanktionen gegen das Regime in Kraft gesetzt werden, zum Beispiel in Form eines Verbotes sämtlicher Flüge zwischen Syrien und EU-Staaten. Es bestehen bereits Handels- und Einreiseverbote für Dutzende Unternehmen und Personen und ein Lieferverbot für Überwachungssoftware.</p>
<p>Aber es ist fraglich, ob diese wirtschaftlichen Maßnahmen Sinn machen, solange Russland und China sie nicht mittragen. Die außenpolitische Sprecherin der Grünen im Europäischen Parlament, Franziska Brantner, ist der Ansicht, die bisher getroffenen Maßnahmen hätten lediglich zur Verteuerung von Lebensmitteln geführt.</p>
<p>Catherine Ashton, Hohe Repräsentantin für Außen- und Sicherheitspolitik der EU, ist „tief besorgt“ über die Lage in Syrien und fordert, es müsse „einen friedlichen Übergang in dem Land geben“. Sie verbindet dies regelmäßig mit Rücktrittsforderungen an die Adresse Assads.</p>
<p>Doch warum greifen die europäischen Staaten nicht sofort ein, wie in Libyen? Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen? Die Zurückhaltung mag der zentralen Rolle geschuldet sein, die Syrien in der Region spielt. Nicht zuletzt als Verbündeter Irans. Offene Gewalt gegen Syrien von westlicher Seite könnte daher zum einen die Region destabilisieren, und zusätzlich den Konflikt zwischen „dem Westen“ und Iran weiter verschärfen. Zum anderen will Europa den Eindruck weiterer „neokolonialer“ Einmischung vermeiden. Daher beharrt die EU auf der Unterstützung der Arabischen Liga, und werde ihre Schlagkraft „durch weitere Sanktionen untermauern“, so Angela Merkel kürzlich.</p>
<p>Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten: Ist nach dem kräftezehrenden Libyen-Abenteuer ein weiterer, teurer Krieg gangbar? Syriens Armee ist wesentlich besser ausgerüstet als die Soldaten Gaddafis. Angesichts der Euro-Krise und einem Jahrzehnt amerikanisch-europäischer Militärinterventionen in der Region lässt sich ein weiterer Waffengang dem kriegsmüden europäischen Wahlvolk schlecht verkaufen.</p>
<p>Letztenendes wäre ein militärisches Eingreifen nur mit dem Segen des Weltsicherheitsrats legal. Dafür bräuchte es Russland. Und der Kreis schließt sich.</p>
<h4><strong>Wie weiter?</strong></h4>
<p>Indem die Arabische Liga sich kurze Zeit nach dem Scheitern der Resolution für eine Wiederaufnahme des kürzlich beendeten Beobachtereinsatzes – aber gemeinsam mit der UN – stark machte, wies sie sich selbst wieder eine Schlüsselrolle zu; Diesen Schritt begrüßten USA und EU. Ashton signalisierte Zustimmung, denn „das erste Ziel der EU ist ein sofortiges Ende der Tötungen“.</p>
<p>Wegen des Scheiterns im Sicherheitsrat entschloss sich die UN-Vollversammlung am 16. Februar, Präsident Baschar al-Assad zum Rückzug aufzufordern. Aber: Mit der Resolution kann nur der diplomatische Druck auf Assad erhöht werden, weil die Beschlüsse der Vollversammlung (im Gegensatz zu jenen des Sicherheitsrates) völkerrechtlich nicht bindend sind und nur Symbolcharakter besitzen.</p>
<p>Das syrische Regime zeigt sich unbeeindruckt, lehnt den Einsatz einer UNO-Friedensmission kategorisch ab. Deren Entsendung könnte überhaupt nur vom Sicherheitsrat beschlossen werden – Russland signalisierte mittlerweile Zustimmung, sofern vorher ein Waffenstillstand zwischen Regime und Aufständischen zustande käme. Aber: Verhandlungen mit dem Assad-Regime lehnen die Aufständischen nach über 8000 Todesopfern ab, daher gilt ein Einsatz der Blauhelme vorerst als höchst unwahrscheinlich.</p>
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		<title>Dein Schottland, deine Zukunft</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Feb 2012 10:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Julia Schuetze</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Schottland]]></category>
		<category><![CDATA[Unabhängigkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[In Schottland wird momentan die Frage der Unabhängigkeit vom Vereinten Königreich diskutiert. Durch ein Referendum im Jahre 2014 soll sie durchgesetzt werden. Doch die Politik ist sich uneinig, viele Faktoren machen eine solche Abspaltung schwierig. <em>Von Julia Schuetze</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2744" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Schottland-Johannes-Ammon.jpg"><img class=" wp-image-2744" title="Schottland - Johannes Ammon" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Schottland-Johannes-Ammon.jpg" alt="" width="620" height="413" /></a><p class="wp-caption-text">Straße in die Unabhängigkeit? In den schottischen Highlands wird diskutiert. Bild: Johannes Ammon / Jugendfotos.de</p></div>
<p><span class="firstLetter">B</span>ei den Parlamentswahlen 2011 konnte zum ersten Mal eine Partei in Schottland die absolute Mehrheit erringen.  Premierminister Alex Salmond und seine Scottish National Party (SNP) nutzen ihre Mehrheit im Holyrood, wie das Parlament in Schottland genannt wird, um ein uraltes Anliegen zu forcieren: Die Unabhängigkeit Schottlands vom Rest des Königreichs.</p>
<p>Die SNP wünscht sich ein Referendum für 2014 unter der Bedingung, dass es neben der Ja-oder Nein-Unabhängigkeitswahl, eine weitere Frage gibt: „Devo max“ (Abkürzung für engl. ‚maximum devolution‘ deutsch: maximale Dezentralisierung), die die finanzielle und steuerliche Unabhängigkeit Schottlands erreichen soll. Es würden demnach neben der schon bestehenden legislativen Zuständigkeit und der Innenpolitik, die Verwaltung aller Einnahmen und der öffentlichen Ausgaben als Zuständigkeitsbereiche hinzukommen. „Westminster“, die Institutionen Großbritanniens, wären neben den gesamtwirtschaftlichen Fragen nur noch verantwortlich für Außen- und Sicherheitspolitik.</p>
<h4><strong>Schottland und sein großer Nachbar</strong></h4>
<p>Gerade gegenüber dem großen Nachbarn war die schottische Geschichte geprägt von Widerstand und Unabhängigkeitsbestrebungen. Im 12. und 13. Jahrhundert begann der Machtkampf mit England. Von Edward I. eingenommen, unterwarf sich der schottische Adel zum ersten Mal. William Wallace rief zum Widerstand auf und schlug in der Schlacht bei Stirling Bridge 1297 die Engländer. Der Hollywood-Blockbuster „Braveheart“ mit Mel Gibson handelt hiervon. Es sollte einer der wenigen Siege bleiben, woran noch heute das Wallace Monument erinnert. Auch nachdem der selbsternannte König Robert the Bruce sich nach mehreren Gurillakriegen 1328 die schottische Unabhängigkeit zusicherte, blieb es nicht dabei.</p>
<p>Mit dem 1707 abgeschlossenen Unionsvertrag versprach England den Schotten nach vielen Jahren des Aufstands, die Verluste aus der Zeit zu ersetzen, sowie weltweiten Schutz durch die königliche Marine und Anteil an den gewaltigen Expansionsmöglichkeiten des britischen Empire. Widerwillig gaben die Schotten nach.</p>
<h4><strong>Wer A sagt, muss auch B sagen, oder nicht?</strong></h4>
<p>Jetzt, nach über 300 Jahren dieses Vertrages steht geschichtlich ein weit verwurzeltes Volk vor einer großen Entscheidung. Doch der Unabhängigkeitswille der Schotten scheint nicht so stark zu sein, wie Premierminister Salmond es vermutet.</p>
<p>Eine Befragung der The Sunday Telegraph bot ein erstaunliches Bild, das sowohl Alex Salmond als auch dem britischen Premier David Cameron Kopfschmerzen bereitet. Demnach unterstützen 40% der Schottischen Bevölkerung die Unabhängigkeit, während 43% in der Union verbleiben wollen. Unter den englischen Wählern allerdings, die in bisher keinem geplanten Referendum eine Stimme erhalten würden, sind 43% für eine Unabhängigkeit Schottlands und nur 32% für eine vereinte Union. Kontrovers wird also nicht nur in der Politik diskutiert.</p>
<p>Alle drei großen englischen Parteien (the Conservatives, Labour und the Liberal Democrats) sind gegen die Unabhängigkeit. Insgesamt versucht Westminster Schottland besser einzubinden und sendet die Abgeordneten des Scottish Affairs Committee dafür auch gerne von London bis hoch in die Highlands: Auf Promotour in Schulen, Universitäten und in jede größere Stadt. „Wir kümmern uns!“ ist die Botschaft, die zum Beispiel beim Parlamentsworkshop für Politikinteressierte in Stirling am 3. November 2011 vermittelt wurde.</p>
<p>Die SNP dagegen gibt sich offensiver. Mit einem Video „Your Scotland, Your Future“ und extra Pocket Guide zur Unabhängigkeit wirbt die SNP auf ihrer Homepage gegenüber der Bevölkerung für die Eigenständigkeit Schottlands. Doch wie die Unabhängigkeit konkret aussehen soll, ist nicht herauszulesen.</p>
<h4><strong>Viele Fragen offen</strong></h4>
<p>Doch welche Auswirkungen hätte eine Unabhängigkeit Schottlands für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union? Das Schottische Parlament ist bisher nicht unabhängig vertreten. Allein durch die Sitze in Westminster ist die SNP durch zwei Stimmen im Europäischen Parlament vertreten. Ein zu geringer Anteil, um das Ziel Beitritt zur Eurozone durchzusetzen. Schottland ist durch die jetzige Regierung proeuropäisch eingestellt, kann sich aber gegen das EU-skeptische England, nur schwer durchsetzen.</p>
<p>Würde Schottland nun unabhängig werden, wäre die größte Frage, ob es automatisch Mitglied der EU bliebe oder den gesamten Beitrittsprozess durchlaufen müsste. Für einen dezentralisierten Teil eines EU-Mitgliedsstaates gibt es noch keinen Präzedenzfall.</p>
<p>Bis auf diese Frage Antworten gefunden werden müssen, sollten sich Westminster und Holyrood allerdings erst einmal über das Unabhängigkeitsvotum einigen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Brüssel der zwei Geschwindigkeiten</title>
		<link>http://www.move-magazin.eu/brussel-der-zwei-geschwindigkeiten</link>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 09:42:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Veronika Völlinger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ländersache]]></category>
		<category><![CDATA[Belgien]]></category>
		<category><![CDATA[Brüssel]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Die belgische Hauptstadt beherbergt nicht nur Bauten der Brüsseler Bürokratie. Es gibt noch mehr, was sie in vielerlei Hinsicht zur Hauptstadt Europas macht.  <em>Von Veronika Völlinger</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2738" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Europaflagge-Rebecca-Freitag.jpg"><img class=" wp-image-2738" title="Europaflagge - Rebecca Freitag" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Europaflagge-Rebecca-Freitag.jpg" alt="" width="620" height="413" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: Rebecca Freitag</p></div>
<p><span class="firstLetter">V</span>or den Toren Brüssels steht das Brandenburger Tor. Es ist etwa einen Meter hoch und befindet sich in der Nachbarschaft eines knapp 13 Meter hohen Eiffelturms, des Londoner Big Bens von vier Metern Höhe sowie über 300 anderen Mini-Monumenten.</p>
<p>Kein absurder Traum, sondern ein Touristenmagnet: Etwa 20 U-Bahn-Minuten nördlich der Stadtmitte befindet sich der Modellpark MINI-EUROPE. Komprimiert auf engstem Raum bestaunen die Besucher hier Europa. Was sich am Fuß des (echten und stolze 102 Meter hohen) Atomiums in Form winziger Wahrzeichen schon verwirklicht hat, kann man allerdings auch in der Innenstadt beobachten: Brüssel bildet Europa im Miniaturformat ab.</p>
<p>Zuallererst und für jeden offensichtlich geschieht das natürlich im Europaviertel. Geschäftige Mienen und schicke Anzüge ziehen am Brüssel-Touristen vorbei, wenn er mit großen Augen zwischen den Bürogebäuden flaniert. Alles ist hier fußläufig zu erreichen: Vom Hauptsitz der EU-Kommission, dem x-förmigen Berlaymont-Gebäude, mal schnell über die Straße zum EU-Ministerrat – kein Problem.</p>
<h4><strong>Jeder will ein Stück vom Brüssel-Kuchen</strong></h4>
<p>Zwischen allen leicht zu identifizierenden Institutionen gibt es aber noch mehr interessante Klingelschilder. Wie die Tiere ums Wasserloch scharen sich Firmen, Journalisten, NGOs und Landesvertretungen um die lebenswichtigen EU-Organe. Wer etwas auf sich hält und mit seinem Dasein für die Lobbyarbeit herhalten will, hat ein Büro in Brüssel. Jede Baulücke wird besetzt, man bildet Bürogemeinschaften oder kommt gleich im Gebäude der heimatlichen Landesvertretung unter.</p>
<p>Das Aufeinandertreffen der beiden Welten spielt sich auf dem Place du Luxembourg direkt vorm Europäischen Parlament ab. Der erschöpfte Eurokrat lässt sich für ein After-Work-Bier in einer der Bars nieder, die den Platz säumen. Dort wartet schon der Lobbyist und gemeinsam beschließt man den arbeitsintensiven Tag. Alles sehr familiär hier im Europaviertel, so hört man es von beiden Seiten.</p>
<div id="attachment_2739" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Europarl2-Rebecca-Freitag.jpg"><img class=" wp-image-2739" title="Europarl2 - Rebecca Freitag" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/Europarl2-Rebecca-Freitag.jpg" alt="" width="620" height="413" /></a><p class="wp-caption-text">Das Europäische parlament in Brüssel. Bild: Rebecca Freitag</p></div>
<p>Böse Zungen dagegen nennen diesen Ort der EU-Bürokratie administratives Ghetto. Man muss tatsächlich zugeben: Bevölkert ist das Europaviertel nur, wenn geschäftstüchtige Eurokraten ihrer Arbeit nachgehen. Das führt sogar so weit, dass die Hotelpreise am Wochenende drastisch sinken, weil Beamte, Diplomaten und Lobbyisten die Stadt verlassen.</p>
<p>Trotz der hohen Internationalität ist Brüssel eine kleine Großstadt: Im Kerngebiet leben knapp 150 000 Menschen. Die Metro bringt Passagiere innerhalb kürzester Zeit vom einen Ende der Stadt zum anderen. Noch umgeben vom Glas und Beton des Europaviertels in die Metro eingestiegen, spuckt sie einen ein Stück weiter westlich in einem Labyrinth winziger Gässchen zwischen Gründerzeitbauten wieder aus.</p>
<h4><strong>Eine Stadt – viele Welten</strong></h4>
<p>Hier ist das historische Brüssel, das Brüssel der Waffeln, der Pommes, der Brüsseler Spitze, der Comics und natürlich des Biers. Spezialitäten: Sauerbier Gueze, schmeckt dezent nach Erbrochenem. Und wer „Kriek“ bestellt, beendet nicht den fast sieben Dekaden währenden europäischen Frieden, sondern bekommt belgisches Kirschbier.</p>
<p>Der Brüssel-Tourist kann vom Mont des Arts, dem Kunstberg, wo sich die Museen tummeln, die Stadt überblicken. Er kann dann hinuntergehen und auf dem Grand Place (UNESCO-Weltkulturerbe!) die mittelalterlichen Zunfthäuser, wie das Rathaus, mit ihren düsteren-verspielten Fassaden bestaunen. Von dort aus dann zum Manneken Pis &#8211; einem kleinen, nackten, Wasser pinkelnden Steinmännchen &#8211; weiterziehen und sich mit den anderen Touristen um die beste Fotoperspektive rangeln. Der Stadtkern erinnert an ein kleines verträumtes Städtchen aus einer anderen Zeit, er ist voller Leben und voller architektonischer Schönheit.</p>
<div id="attachment_2740" class="wp-caption alignnone" style="width: 630px"><a href="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/fassade-werbeplakat-Rebecca-Freitag.jpg"><img class=" wp-image-2740" title="fassade-werbeplakat - Rebecca Freitag" src="http://www.move-magazin.eu/wp-content/uploads/2012/02/fassade-werbeplakat-Rebecca-Freitag.jpg" alt="" width="620" height="413" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: Rebecca Freitag</p></div>
<p>Auf dem Boulevard Adolphe Max unweit dieses touristischen Zentrums reihen sich die Hotels aneinander und bieten den Brüssel-Touristen eine schicke Bleibe. Trotzdem stehen an den Ecken zwielichtige Gestalten und eine Marihuana-Wolke liegt in der Luft. „Achtung Taschendiebe“, warnen umsichtige Reiseleiter ebenso wie grelle Hinweisschilder. In kaum einer Reisegruppe wird nicht mindestens ein Tourist trotzdem ausgeraubt, fügen die seufzenden Reiseleiter hinzu.</p>
<h4><strong>Multikulti oder Multi-Integrationsversagen?</strong></h4>
<p>Mit Kleinkriminalität hat die Stadt ebenso zu kämpfen, wie mit den Konflikten, die sich aus dem multikulturellen Stadtbild ergeben. Wallonen treffen auf Flamen und wärmen immer wieder uralte Sprachstreitigkeiten auf. Belgier (also Flamen und Wallonen zusammen) stehen einem Migranten-Anteil von über 50% entgegen, hauptsächlich Marokkaner, Türken und Kongolesen. Nicht-Muslime schüren die Ängste vor islamischen Parallelgesellschaften. Ebenso wie Europa muss sich Brüssel überlegen, wie die Zukunft des Zusammenlebens aussehen soll.</p>
<p>Ein Stadtbild der Gegensätze also: Hochmoderne Strukturen treffen auf Armut und Kriminalität und es entsteht eine Schere, wie wir sie auch in der Gesellschaft Gesamteuropas immer stärker beobachten können. Es hat einen Hauch bitterer Ironie, dass Politiker ein Europa der zwei Geschwindigkeiten anmahnen, man dieses Phänomen aber gleichzeitig an vielen Orten in Brüssel bereits findet – nicht zuletzt als Folge dessen, dass die EU hier ihr bürokratisches Hauptquartier errichtet hat.</p>
<p>In Brüssel gibt es von allem mehr. Mehr Menschen aller Art, mehr Architektur, mehr Biersorten, mehr Kontraste, mehr Konflikte und mehr Europa. Es ist ein Mikrokosmos, der das abbildet, was wir von Helsinki bis Athen überall finden: Nicht immer Einigkeit, aber dafür Vielfalt. Mini-Europa liegt nicht nur in Form eines Modellparks vor den Toren Brüssels, sondern ist in allem zu finden, was sich in der belgischen und europäischen Hauptstadt abspielt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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