Die Unnachgiebigen
Zwei einstige Partner auf Kollisionskurs: Die Türkei friert die diplomatischen Beziehungen zu Israel ein, droht mit wirtschaftlichen Sanktionen, rasselt mit dem militärischen Säbel und stützt die palästinensische Sache. Israel verweigert jegliche Entschuldigung für die blutigen Erstürmung der Gaza-Hilfsflotte 2010. Warum verhalten sich beide Seiten so kompromisslos? Ein Erklärungsversuch. Von Michael Mangold
Zwei Autos rasen frontal aufeinander zu. Wahlweise auch auf eine Klippe. Je näher sie dem Ende kommen, umso heftiger treten die Fahrer aufs Gas. Es ist ein Spiel. Wen zuerst die Nerven verlassen, wer zuerst das Steuer herumreißt, verliert. Er ist das Hühnchen im „Chicken Game“, verliert Gesicht, Respekt und die hübsche Blondine. Manchmal gewinnen beide. Mit fatalen Konsequenzen.
Das Szenario erlangte als „Chicken Run“ Berühmtheit, hochstilisiert zur liebsten Freizeitbeschäftigung gleichermaßen testosteronschwangerer wie gelangweilter Halbstarker im Amerika der 50er-Jahre: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, heißt ein berühmter Film mit James Dean, und der Name ist Programm. Doch auch in die Politikwissenschaft hat das „Chicken Game“ Einzug gefunden und beschreibt ein Verhalten, bei dem enorme Risiken eingegangen werden, da als erster nachzugeben viel kosten würde. Auf genau diese Art und Weise gehen die Türkei und Israel derzeit miteinander um.
Die Türkei und Israel auf Konfrontationskurs
Anfang September hat die Türkei den israelischen Botschafter des Landes verwiesen. Türkeis Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan kündigte an, die türkische Marine werde in Zukunft häufiger im östlichen Mittelmeer kreuzen und zivile türkische Schiffe eskortieren, die Hilfsgüter in den Gaza-Streifenliefern wollen. Seine Regierung fror die militärische Zusammenarbeit ein, droht nun mit der Einstellung der Wirtschaftsbeziehungen und macht sich für die Anerkennung eines palästinensischen Staates bei den Vereinten Nationen stark. Israelische wie türkische Touristen berichten auf den Flughäfen von gezielten Schikanierungen durch Sicherheitspersonal. Israel regiert mit unversöhnlichen Tönen und verweigert sich den symbolischen Schritten, die den türkischen Zorn dämpfen könnten.
Was ist da los? Grund für die Spannungen ist die Erstürmung der so genannten „Gaza-Hilfsflotte“ im Mai 2010. Eine türkisch dominierte zivile Flotte war aufgebrochen, die israelische Seeblockade des Gaza-Streifens zu durchstoßen. In dem Küsten-Landstrich herrscht die islamistischen Palästinenser-Organisation Hamas und wird verdächtigt, Waffen in das Gebiet zu schmuggeln. Um die türkischen Schiffe zu stoppen, enterten israelische Soldaten das Hauptschiff. Auf der „Mavi Marmara“ forderte die Aktion ihren Blutzoll. Die Soldaten erschossen neun türkische Aktivisten, welche sich ihren Angaben nach bewaffnet und angegriffen hätten.
In ihrem nun vorgelegten Untersuchungsbericht haben die Vereinten Nationen die Erstürmung der „Gaza-Hilfsflotte“ als weitestgehend legal bewertet – und damit ungewollt die jüngste Eskalation zwischen den beiden Staaten ausgelöst. Die Türkei reagierte auf den Bericht, indem sie umso eindringlicher darauf pochte, von Israel eine offizielle Entschuldigung hören zu wollen. Genau die verweigert Israel jedoch.
Sein Land habe „überall“ das Recht zur Selbstverteidigung, betonte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Der UN-Bericht stärkt die Position Israels, das nach dem „Mavi Marmara“-Zwischenfall massive internationale Empörung erntete. Für die israelische Regierung bedeutet der UN-Report ein Absolutionsschreiben. Sie will sich die soeben sauber gewaschene weiße Weste nicht durch nachträgliche Entschuldigungen erneut beflecken.
Die Türkei indes beharrt auf ihrem Standpunkt: Die Beziehungen wiederherzustellen erfordere eine offizielle Entschuldigung, verlautete das türkische Außenministerium. Nun will die Türkei den ehemaligen Partner Israel wegen des „Mavi Marmara“-Zwischenfalls sogar vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zerren.
Warum keiner zurückziehen will
Steckt hinter dem Verhalten der türkischen Regierung Antisemitismus? Das gilt als unwahrscheinlich. Persönlich bewertet Erdoğan die israelische Politik gegenüber den Menschen im Gaza-Streifen äußerst kritisch. Das weiß man spätestens seit dem Wirtschaftsgipfel 2009 in Davos, als sich der türkische Ministerpräsident während einer Podiumsdiskussion in Rage redete und Israel in einem emotionalen Ausbruch die „barbarische“ Tötung von Kindern vorwarf. Zwar präsentiert sich die türkische Regierung jüngst häufiger als starker Kritiker der israelischen Palästina-Politik. Doch beide Länder arbeiteten seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes eng zusammen auf den Gebieten der militärischen Kooperation, der Wirtschaftszusammenarbeit und der Arbeitsmigration. Und beide profitieren enorm von diesem Bündnis.
Innenpolitischer Druck erklärt den Eskalationskurs der türkischen Regierung weitaus einleuchtender. Mit Israel steht noch eine offene Rechnung aus: Seit dem Tod der türkischen Zivilisten während der Erstürmung der Gaza-Hilfsflotte herrscht in weiten Teilen der türkischen Öffentlichkeit dieser Eindruck. Nicht nur nationalistische Oppositionskreise werfen der Regierung Erdoğan vor, eine angemessene Wiedergutmachung nicht nachdrücklich genug von Israel einzufordern. Es hat den Anschein, als wolle die Regierung gegen dieses Image nun ankämpfen.
Israel auf der anderen Seite möchte unbedingt verhindern, dass einer seiner Handlungsoptionen der Stallgeruch des Illegitimen angehaftet wird. Eine Entschuldigung käme einem Eingeständnis gleich. Handlungsmöglichkeiten zu verlieren, davor graust es den Hardlinern um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. In ihrer Weltsicht gleicht ihr Land einem Schwimmer auf offenem Meer – umringt von Haien, die nur auf ein Zeichen der Schwäche warten, über es herzufallen. Damit die Haie kein Blut wittern, setzen Israels Hardliner alles daran, sich nicht zu schneiden. Sei die Wunde noch so klein.
Zurückziehen darf also keiner. Von dieser Ausgangslage, vom Thrill der ultimativen Eskalation, lebt das „Chicken Game“. Deshalb rasen der türkische und der israelische Halbstarke weiter unnachgiebig aufeinander zu.
Über den Autor
Michael Mangold (25) aus Ludwigsburg bei Stuttgart ist seit Sommer 2010 move-Chefredakteur. Er studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet in der Abteilung für Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit einer Fraktion im Brandenburger Landtag. Nach dem Abi 2005 und während des Studiums an seiner ehemaligen Uni Tübingen war er vier Jahre lang als freier Journalist für lokal-regionale Tageszeitungen in Süddeutschland unterwegs.



